[quote=Muggenhorst]Für eine Rezension muß ich das Album erst mal sacken lassen.[/quote]
Genug gesackt, ans Werk!
Nachdem im vergangenen Jahr mit a-ha's "Analogue" und Depeche Modes "Playing The Angel" zwei sehr gute CDs erschienen, die bei mir ein Stück weit verlorenes Fanterrain zurückgewannen, schlagen nun mit dem mittlerweile neunten Studioalbum "Fundamental" die nächsten meiner 80er-Heroen zu: Die Pet Shop Boys.
Fand ich ab der '93er-Veröffentlichung "Very" nur noch wenig Zugang zum Schaffen der Herren Tennant und Lowe, zeigte vor vier Jahren mit "Release" die Zuneigungsquote wieder klar ansteigende Tendenz. Doch was die elder statesmen des Pop hier abliefern, verdient nur eine Bezeichnung: Volltreffer!
Doch hübsch der Reihe nach. Dem nervösen Opener "Psychological" folgt schon der erste Höhepunkt. Bei "The Sodom & Gomorrah Show" werden die Bratgitarren aus der Asservatenkammer geholt und mit feinster Pet Shop Boys-Klassik gemixt. Der pure Wahnsinn! Sowohl hier als auch beim folgenden wunderschön bitteren "I Made My Excuses & Left" darf Produzenten-Guru Trevor Horn seine "Art Of Noise" und "Frankie Goes To Hollywood"-Vergangenheit fröhliche Urständ feiern lassen und in ausführlichen Intros schwelgen. Aber das ist nur der Auftakt, wahrlich very british, das mit 80er-Reminiszenzen proppenvoll gestopfte folgende Stück ausgerechnet mit "Minimal" zu betiteln! Dazu noch ein paar im Vorbeigehen hingetupfte New Order-Gedächtnis-Akkorde auf der Gitarre und fertig ist ein Paradebeispiel, wo der altgediente Chartsbartel auch heute noch den vielzitierten Most holt.
Bei "Numb" darf Mr Horn dann das ganz dicke Geschütz auffahren. Großes Orchester, große Gefühle. Da ist er wieder, der ehemalige "Frankie Goes To Hollywood"-Bombast. Sollte jemals ein würdiger Nachfolger für das unverwüstliche "The Power Of Love" benötigt werden - hier ist er!
Das Instrumental "God Willing" wirkt mitten im Album etwas zu deplaziert, ohne wirklich schlecht zu sein. Es läutet aber bereits die nächste Ballade "Luna Park" ein, das mit seiner angenehm zurückhaltenden Art eine tiefe Verbeugung vor dem Pet Shop Boys-Klassiker "It Couldn't Happen Here" von 1987 macht. Warum hingegen das in meinen Augen schwächste Stück des Albums "I'm With Stupid" als erste Single gewählt wurde, wird wohl nur die Band oder die Plattenfirma wissen. Sowas hört man jeden Tag im Radio und vergißt es auch sehr schnell wieder.
Dies bleibt allerdings der einzige Durchhänger, den das wunderbar verträumt-verspielte "Casanova In Hell" mehr als wett macht. Mr Tennant lässt textlich tief blicken, "He couldn't get an erection". Soso... Und "Twentieth Century" brachte mich heute in der Firma mit seinem blurpendem Synthiebass dermaßen zum Wackeln mit dem verlängerten Rücken, dass es belustigte Kollegenblicke gab. Also Vorsicht!
"Fundamental" hat mit fünf Balladen wohl mindestens eine zuviel. Zu dumm nur, dass sie allesamt ihre Daseinsberechtigung haben. Da macht "Indefinite Leave To Remain" keine Ausnahme, bei dem ich sogar eine kleine Passage aus a-ha's "Here I Stand And Face The Rain" zu vernehmen glaube.
Alles wird so elegant dargeboten, dass selbst "Integral", dessen Soundgewand wohl so manchem teutonischen Malle-Barden gut zu Gesicht stehen würde, einfach ein geiles Stück Popmusik geworden ist. Da tröten die Hörner zum Retro-Tanztee, also Schulterpolster raus, die Slipper geputzt und ab dafür!
Fazit: Kaufen, marsch, marsch, die bisher beste Platte 2006!
