Tja, um die Frage, ob hinsichtlich der Klamotten nun die 70er oder die 80er schlimmer waren, könnte man einen regelrechten Glaubenskrieg entfachen...
Fakt aber ist: Sowohl in der Öffentlichkeit, in den Medien als auch in meinem persönlichen Freundes- und Bekanntenkreis gilt die Mode der 80er definitiv als schlimmste geschmackliche Vergewaltigung des letzten Jahrhunderts.
Okay, die 70er haben auch einen ganzen Haufen an extremen Scheußlichkeiten hervorgebracht. Auffällig dabei ist aber, dass sich die Geschmacklosigkeiten dieser Dekade hauptsächlich auf die Farben oder Muster beziehen und weitaus weniger auf die Schnitte der jeweiligen Kleidungsstücke - trotz der vielzitierten Schlaghosen oder Plateauschuhe.
Was die Mode der 80er so extrem aus der Art schlagen lässt, ist die häufig völlig aus dem Ruder gelaufene Zusammenstellung einzelner Kleidungsstücke. Das Paradebeispiel hierfür sind sicherlich die weißen (Tennis-)Socken, die selbst auf die elegantesten Anzüge oder Schuhe (hauptsächlich entsetzliche Slipper mit Bommeln oben drauf) getragen wurden...
Zu Jacken in Neonlook, Moonwashed-Hosen, prollige Cowboystiefel, Netzhemden oder Jeanshosen mit längs eingenähten Lederstreifen muss man in diesem Zusammenhang kaum noch ein Wort verlieren - diese Mutationen sprechen wirklich für sich!
Was mir bei der Betrachtung von privaten Fotos und Fernsehbildern damaliger Tage auch immer wieder auffällt, ist die Tatsache, dass in den 70ern offensichtlich weitaus weniger Leute die ganz schlimmen Fetzen getragen haben, sondern vielmehr ganz bestimmte kulturelle Gruppen (z. B. die Hippies mit ihren Blümchenhemden und dem ganzen Gedöns). Auf die breite Masse hatten diese Moden wesentlich weniger Einfluss, als dies in den 80ern der Fall war: Vielmehr gilt diese Dekade eigentlich als das Jahrzehnt, in dem Merkmale diverser Subkulturen in den Mainstream einflossen.
Und damit sind wir auch bei dem, was mir bei der 80er-Mode immer wieder am sauersten aufstößt: In diesen Jahren entwickelte sich das heutzutage von mir so häufig angeprangerte Möchtegerntum erst so richtig. Fast jeder wollte sich auf Teufel komm raus mit irgendwas identifizieren, also wurden sämtliche Bedenken über Bord geworfen, um bloß kein Außenseiter zu sein. In was für peinliche Fetzen man sich in diesen Tagen eigentlich geschmissen hat, wurde den meisten dann erst viele Jahre später klar (auch mir!)...
Die wirklich schlimmen Geschmacksverirrungen der 70er dagegen kamen aus ganz anderen Bereichen des Lifestyles: Brillen, Gardinen, Tapeten (legendär!) oder Möbel hatten oftmals ein derart grotesk-hässliches Design, dass man sich beim Betrachten alter Aufnahmen heute zwangsläufig fragt, ob die Besitzer solcher Entsetzlichkeiten eigentlich unter diversen Augenkrankheiten litten...
Schaue ich mir dagegen Fotos aus den 80ern an, so muss ich sagen, dass viele Einrichtungsgegenstände auch heute noch eine durchaus gute Figur abgeben würden. Dezent-sachliche Rauhfasertapeten erlebten in den 80ern ihren Aufschwung, ebenso wurde bei den Möbeln mit grellen Farben gespart und stattdessen auf ein einheitliches Erscheinungsbild der Wohnung geachtet.
Um wieder auf die Kleidung zurückzukommen: Gosef hat vor längerer Zeit in irgendeinem Posting mal behauptet, dass es quasi der ganz normale Lauf der Dinge sei, sich über die Klamotten vergangener Zeiten zu mokieren. Das sehe ich etwas anders: Die 80er nehmen nach meinem Empfinden in dieser Hinsicht schon eine Sonderstellung ein.
So kann ich mich daran erinnern, dass ich im Rahmen einer Diskussion mit einigen Freunden vor ca. zwei Jahren mal behauptet habe: "Mode ist eigentlich nur ein stetiges Auf und Ab. Irgendwann wird der Stil eines jeden Jahrzehnts wieder ausgegraben. Lediglich bei den 80ern glaube ich das nicht: Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass ein Großteil dieser abstrusen Relikte nochmals wiederbelebt wird." Diese These erntete auch prompt völlige Zustimmung.
Tja, und man spricht in der Modewelt zwar seit einiger Zeit von einem 80er-Revival, das ich aber in Wirklichkeit gar nicht erkennen kann. Mag ja sein, dass das eine oder andere Detail von damals in den Läden wieder auftaucht - aber ansonsten haben die Modeschöpfer bisher Gott sei Dank die Finger von den 80ern gelassen. Und ich behaupte auch weiterhin, dass es ein echtes, ausgiebiges Mode-Revival dieser Zeit so schnell nicht geben wird...
Zum Schluss noch ein paar Worte zu den Klamotten der 90er: Sicherlich mag es das eine oder andere Beispiel für peinliche Ausrutscher aus dieser Zeit geben. Als ich aber kürzlich wieder Fotos von unseren damaligen Feten rausgekramt habe (aus der Zeit zwischen 1990 und 1994), fiel mir auf, dass es bei den meisten Outfits kaum einen Grund zum Ablachen gibt - überhaupt kein Vergleich zu den in dieser Hinsicht fürchterlichen 80ern.
Im Gegenteil: Wenn ich mir meine damaligen Hosen und Hemden so ansehe, dann kann ich guten Gewissens sagen, dass ich den größten Teil davon auch heute noch locker tragen könnte, ohne aufzufallen. Vor allem einigen Hemden trauere ich tatsächlich etwas hinterher (ich habe z. b. ein Faible für Camel-Hemden)...
Das liegt aber wohl vor allem daran, dass ich seit ca. 1990 einen Geschmack habe, der sich seitdem kaum geändert hat - irgendwelche modischen Auswüchse haben mich von da an nie mehr interessiert. Meinen Stil kann man daher sicher auch als langweilig bezeichnen, aber mit dieser klassisch-eleganten Linie bin ich bis heute immer wunderbar gefahren. Entscheidend ist für mich dabei vor allem die Auswahl der Farben: In meinen Kleiderschrank wandern nur schwarze, graue, (rost)braune, dunkelgrüne, beige oder gelegentlich weiße Klamotten. Nix Auffallendes, nix Grelles, keine besonders exaltierten Muster - einfach zeitlos dezent...
Junge, Junge, wenn ich mir das so recht überlege: Seit locker 12 Jahren (!) habe ich tatsächlich immer nur schwarze Schuhe gehabt (ausgenommen natürlich diverse Sportschuhe) - genauso wie bei Unterhosen und Socken (okay, hin und wieder war ich mal aufmüpfig und habe mir graue Exemplare gegönnt...
Zum Totlachen finde ich immer die Leute, die sich die teuersten und hippsten Klamotten zulegen, diese aber in den unmöglichsten Farben kombinieren und dann rumlaufen wie ein Papagei. Womit dann der Beweis erbracht wäre, dass Markenklamotten nicht zwangsläufig einen guten Geschmack garantieren...
Fazit: Die 70er waren klamottentechnisch längst nicht so schlimm, wie einige Zeitgenossen es immer behaupten. Die 90er waren im Rückblick bis auf einige spezifische Szene-Outfits auch sehr erträglich - nur die 80er waren und bleiben einfach das dicke Niveau-Loch auf der Zeitleiste der Modewelt...
Und nun dürft ihr mich kreuzigen...
P.S.: Eine Bemerkung zum aktuellen Zeitgeist: Über die derzeitige Jeans-Mode wird man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit schon in relativ kurzer Zeit nur noch mit dem Kopf schütteln...
Und an alle weiße-Socken-Träger: Fangt endlich an, euch zu schämen!!!