Hechicero, also bei dir in der Schule gab es diese Abiquote nicht, von der Jens geschrieben hat? Hättest du auch Abi machen können ohne deine sehr guten Noten (Glückwunsch; ich war immer so eine lausige Schülerin
Ja, und erzählt - wie war das mit der FDJ? Musste man dabei sein? Was machte man dort? Ich hatte immer den Eindruck, der junge DDR-Bürger wurde durch diese Art betreuter Freizeit von frühester Kindheit an auf den Staat eingeschossen. Das erinnert mich wieder an eine Szene aus dem Film Helden wie wir, wie der kleine Uhltzscht (urgh, wat 'n Name) in der Schule sitzt und die Schüler die "guten Staaten" und die "bösen Staaten" nennen und dann farblich gestalten mussten, wie Europa aussehen würde, wenn es die Guten übernehmen würden. Zur farblichen Gestaltung standen ausschließlich rote Buntstifte zur Verfügung. Und Klein-Klaus, der von Holland träumte...
Das mit den verbotenen Familienbesuchen muss verdammt hart gewesen sein. Wie gesagt, wir hatten keinen Kontakt zu unseren Ostverwandten. Aber viele Freunde und Bekannte der Familie fuhren öfter "rüber" oder bekamen Besuch von Verwandten, die in Rente oder gebrechlich waren. Der jüngere Bruder meiner Klassenkameradin kam bei so einem DDR-Besuch eines Tages ohne Hose an: Andere Jugendliche hatten sie ihm auf offener Straße abgezogen, so wie es sehr viel später im vereinigten Deutschland bestimmte Gangs mit Edeljacken machten. Nur war diese Hose kein Chevignon, sondern eine billige, abgetragene C&A-Jeans. Der selbe Junge schmuggelte auch immer Cassetten in den Schuhen für seine Ost-Cousins. Von meiner Patentante wurde berichtet, dass sie mit ihrer Familie an der Grenze Probleme bekam, weil ihr Sohn ein Bravoheft offen im Auto liegen gelassen hatte (Pornografie!). Außerdem haben sie sich im schummrigen Ostberlin spätabends mal so verfahren, dass sie sich mit dem Auto plötzlich vorm Todesstreifen wiederfanden und von aufblitzenden Scheinwerfern geblendet wurden.
Mein Exfreund, der sehr gerne in die DDR reiste, hat zu Mauerzeiten mal einen Film gedreht, "Sehnsucht Ost". Er führte immer an der Mauer lang und ist heute ein echtes Zeitdokument. Sehr bewegend die Aufnahmen von Ostrentnern, die einen Westbesuch bei ihren Verwandten gemacht hatten und nun wieder zurückkehrten, selbst weinend und die weinenden Verwandten hinter sich lassend. Hieß ja nicht umsonst Tränenpalast, dieses Abfertigungsgebäude an der Friedrichstraße...
Ein Schlag ins Gesicht eines jeden ehemaligen DDR-Bürgers muss jenes Honecker-Interview gewesen sein, kurz bevor er nach Chile zu seiner Familie flog. Wir Westler haben geheult vor Wut, wie der alte Unverbesserliche da saß und in die Kamera grinste, als könnte ihn kein Wässerchen trüben und sagte, er will unbedingt nach Chile reisen, denn "es ist doch ein vollkommen natürliches Bedürfnis, seine Verwandten sehen zu wollen." Ein Bedürfnis, das er den Gefangenen seines Staates 40 Jahre lang verwehrt hatte... nebenbei gesagt verstehe ich nicht ganz, warum Honecker ein christliches Begräbnis und sogar ein Kreuz auf seinen Sarg bekommen hat. Christentum, Religion, das war doch vollkommen gegen seine Gesinnung. Ein anonymes Grab ohne Kreuz hätte ja wohl auch gereicht.