Verfasst: Do Apr 25, 2002 6:11 pm
Auch wenn's nun gar nicht mein Geschmack ist, ich fand das Revival, das keins wird, weil niemand einen Unterschied zu heute bemerkt, ziemlich witzig.
Deshalb hier ein Artikel aus der taz vom 24.04.02:
Wie in einer Möbius-Schleife
Weiße Handschuhe und "Erdbeeren": Einflussreiche Kreise
planen ein Rave-Revival.
Die junge Zielgruppe ist noch unentschlossen. Oder sie weiß
gar nicht, was das sein soll
Mensch, das waren Zeiten. "Wenn man in einen Club ging,
kannte man normalerweise die meisten Stücke aus den Charts.
Aber im Arkham Asylum war das anders. Diese Musik hatten
wir noch nie gehört. Die Leute waren voll drauf, einer tat so, als
sei er ein Baum. Alle hatten weiße Handschuhe an und bliesen
auf Trillerpfeifen."
In der Kolumne "Ravers Reunited" erinnern sich in der britischen
Musikzeitung Muzik altgediente Tanzflächen-Recken an die Zeit,
als sie zu ihren ersten Raves gingen. Es war die Zeit von Acid
House, Smileys, Wick-Nasenfrei und Stüssy-T-Shirts, als Extasy
als "Erdbeeren" angeboten wurde. In Großbritannien wird diese
Zeit zwischen 1987 bis 1991 nun ins Legendäre erhoben,
während sie in Deutschland nie stattgefunden hat.
Als 1989 ein paar hundert Leute zur Love Parade kamen, gab es
in Großbritannien schon Open-Air-Raves mit tausenden von
Teilnehmern und das britische Parlament verabschiedete ein
Gesetz gegen das Abspielen von lauter Tanzmusik im Freien. In
Deutschland las man in der Face oder mit einigen Monaten
Verspätung in inzwischen eingegangenen Lifestyle-Blättern wie
Wiener oder Tempo über das neue Ding aus England. Aber die
deutschen Tanzflächen hat das erste Rave-Fieber kaum erreicht.
Acid House und seine diversen Ableger wurden in Deutschland
nur von einer kleinen Gruppe von Cognoscenti zelebriert. Viele
von ihnen wurden in den 90er-Jahren zu einflussreichen DJs und
Produzenten, als Techno sich in Deutschland zu einem
Massenphänomen entwickelte.
Nachdem in der deutschen elektronischen Tanzmusik ein kleines
Revival der Neuen Deutschen Welle inszeniert wurde, versuchen
einflussreiche Kreise nun ein Comeback des Rave-Sounds zu
inszenieren. Im Vorgriff auf das erwartete Rave-Revival hat das
britische Club- und Label-Konglomerat Ministry of Sound in
Deutschland einen Sampler mit 40 House- und Rave-Stücken
veröffentlicht. Ministry of Sound, ursprünglich eine Diskothek in
London, heute ein professionell vermarktetes Medienimperium
mit Ablegern in Ibiza und Bangkok, veröffentlicht schon länger
Sampler mit Clubhits und will sich nun auch in Deutschland ein
Standbein sichern. Nach einer Kompilation mit deutschen
Elektronika ist "Back to the Old Skool" nun eine Art
Nachhilfestunde in einer Epoche elektronischer Tanzmusik, die in
Deutschland kaum stattgefunden hat. Mit Beiträgen von 808
State, den Shamen, S Express, Beats International und Prodigy
ist der Sampler ein repräsentativer Überblick über diese Zeit.
Genauso viele wichtige Stücke fehlen freilich auch. Die härteren
Acid- und Bleep-Tracks kommen gar nicht vor, und dass KLF
auf dem Sampler nicht vertreten sind, ist natürlich ein Lapsus.
Aber auf dem Cover ist wieder das gelbe Smiley zu sehen, und
bei einer Release-Party in Berlin wurde mit Hilfe der
Stereo-MCs schon mal demonstriert, wie das geplante
Rave-Revival auszusehen hat.
Ob das Publikum, das Ende der Achtzigerjahre zum Teil gerade
mal in der Vorschule war, das gemerkt hat? Voll aufgedreht
klingen die meisten Tracks aus dieser Zeit noch immer so frisch,
dass man kaum merkt, dass viele der Songs anderthalb
Jahrzehnte alt sind. Wer diese Musik aber damals kannte, glaubt
sich in einer musikhistorischen Möbius-Schleife gefangen, in der
es keinen linearen Ablauf von Musikgeschichte mehr gibt,
sondern nur eine Wiederkehr des ewig gleichen stampfenden
Rhythmus. Aber das Rave-Revival könnte in dieser Runde
einfach darum ausfallen, weil die historische Differenz nur
wenigen auffällt. TILMAN BAUMGÄRTEL
"Back to the Old Skool": 40 Classic House and Rave Anthems.
(Ministry of Sound)
Deshalb hier ein Artikel aus der taz vom 24.04.02:
Wie in einer Möbius-Schleife
Weiße Handschuhe und "Erdbeeren": Einflussreiche Kreise
planen ein Rave-Revival.
Die junge Zielgruppe ist noch unentschlossen. Oder sie weiß
gar nicht, was das sein soll
Mensch, das waren Zeiten. "Wenn man in einen Club ging,
kannte man normalerweise die meisten Stücke aus den Charts.
Aber im Arkham Asylum war das anders. Diese Musik hatten
wir noch nie gehört. Die Leute waren voll drauf, einer tat so, als
sei er ein Baum. Alle hatten weiße Handschuhe an und bliesen
auf Trillerpfeifen."
In der Kolumne "Ravers Reunited" erinnern sich in der britischen
Musikzeitung Muzik altgediente Tanzflächen-Recken an die Zeit,
als sie zu ihren ersten Raves gingen. Es war die Zeit von Acid
House, Smileys, Wick-Nasenfrei und Stüssy-T-Shirts, als Extasy
als "Erdbeeren" angeboten wurde. In Großbritannien wird diese
Zeit zwischen 1987 bis 1991 nun ins Legendäre erhoben,
während sie in Deutschland nie stattgefunden hat.
Als 1989 ein paar hundert Leute zur Love Parade kamen, gab es
in Großbritannien schon Open-Air-Raves mit tausenden von
Teilnehmern und das britische Parlament verabschiedete ein
Gesetz gegen das Abspielen von lauter Tanzmusik im Freien. In
Deutschland las man in der Face oder mit einigen Monaten
Verspätung in inzwischen eingegangenen Lifestyle-Blättern wie
Wiener oder Tempo über das neue Ding aus England. Aber die
deutschen Tanzflächen hat das erste Rave-Fieber kaum erreicht.
Acid House und seine diversen Ableger wurden in Deutschland
nur von einer kleinen Gruppe von Cognoscenti zelebriert. Viele
von ihnen wurden in den 90er-Jahren zu einflussreichen DJs und
Produzenten, als Techno sich in Deutschland zu einem
Massenphänomen entwickelte.
Nachdem in der deutschen elektronischen Tanzmusik ein kleines
Revival der Neuen Deutschen Welle inszeniert wurde, versuchen
einflussreiche Kreise nun ein Comeback des Rave-Sounds zu
inszenieren. Im Vorgriff auf das erwartete Rave-Revival hat das
britische Club- und Label-Konglomerat Ministry of Sound in
Deutschland einen Sampler mit 40 House- und Rave-Stücken
veröffentlicht. Ministry of Sound, ursprünglich eine Diskothek in
London, heute ein professionell vermarktetes Medienimperium
mit Ablegern in Ibiza und Bangkok, veröffentlicht schon länger
Sampler mit Clubhits und will sich nun auch in Deutschland ein
Standbein sichern. Nach einer Kompilation mit deutschen
Elektronika ist "Back to the Old Skool" nun eine Art
Nachhilfestunde in einer Epoche elektronischer Tanzmusik, die in
Deutschland kaum stattgefunden hat. Mit Beiträgen von 808
State, den Shamen, S Express, Beats International und Prodigy
ist der Sampler ein repräsentativer Überblick über diese Zeit.
Genauso viele wichtige Stücke fehlen freilich auch. Die härteren
Acid- und Bleep-Tracks kommen gar nicht vor, und dass KLF
auf dem Sampler nicht vertreten sind, ist natürlich ein Lapsus.
Aber auf dem Cover ist wieder das gelbe Smiley zu sehen, und
bei einer Release-Party in Berlin wurde mit Hilfe der
Stereo-MCs schon mal demonstriert, wie das geplante
Rave-Revival auszusehen hat.
Ob das Publikum, das Ende der Achtzigerjahre zum Teil gerade
mal in der Vorschule war, das gemerkt hat? Voll aufgedreht
klingen die meisten Tracks aus dieser Zeit noch immer so frisch,
dass man kaum merkt, dass viele der Songs anderthalb
Jahrzehnte alt sind. Wer diese Musik aber damals kannte, glaubt
sich in einer musikhistorischen Möbius-Schleife gefangen, in der
es keinen linearen Ablauf von Musikgeschichte mehr gibt,
sondern nur eine Wiederkehr des ewig gleichen stampfenden
Rhythmus. Aber das Rave-Revival könnte in dieser Runde
einfach darum ausfallen, weil die historische Differenz nur
wenigen auffällt. TILMAN BAUMGÄRTEL
"Back to the Old Skool": 40 Classic House and Rave Anthems.
(Ministry of Sound)