[QUOTE=Babooshka;303414]
Bericht 2:
Auftritt in Berlin: Mit Mickey-Mouse-Ohren zum Gabriel-Konzert - B.Z. Berlin
Also ich hätte der Mickymaus wohl den Mund zugehalten und ihr Schlimmeres angedroht, hätte sie es gewagt, ihn nicht freiwillig zu halten.[/QUOTE]
Herrlicher Artikel - vielen Dank für den Link!
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Jetzt aber in die O2-World, zu Peter Gabriel. Man hätte es schon ahnen können: Wo „zwei Gläser Rotwein mit zwei Brezeln“ zum „Aktionspreis“ angeboten werden, wo es im Innenraum Cocktails gibt und der gute alte Bier-hin-Bier-weg-Weg von hinten nach vorne zur Bühne mit einer aufgeklebten weißen Linie abgetrennt und von Bouncern verteidigt wird, da findet man eben auch dementsprechendes Publikum.
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Das Grauen naht von halblinks: Zwei Ausdruckstänzerinnen nehmen Witterung zur Musik („Red Rain“) auf, boxen sich mit Spinnenärmchen Platz frei, die Ringe, Armbänder und schalmeien-lauten Fußkettchen sind jetzt schon lauter als alles auf der Bühne. Strenger Blick? Hilft nicht, die Augen der Erdenmütter sind fest geschlossen. Noch schlimmer gleich hinter uns, wo sich offensichtlich ein Anglistik-Erstmester-Trupp versammelt. Einer, der noch nicht auf der Welt war, als „So“, das Album des Abends, erschien, hat seine Hausaufgaben gemacht, eifrig bei Wikipedia nachgelesen und erklärt seinen Kommilitonen eifrig und in Echtzeit, was auf der Bühne passiert. Besonders Tony Levin hat es ihm angetan, dem Bassist gelingt kein Griff, ohne dass er unkommentiert bleibt, ein naseweises Zischen in meinem Ohr, unerträglich.
Aber es kommt noch schlimmer: Jetzt hat sich, besoffen von Cocktails, Vorglühen oder ihrer reinen Existenz, Erstsemester-Girl den Weg zu ihrem Trupp gebahnt. Im Haar hat sie zwei Glowsticks zu Mickey-Mouse-Ohren gezwirbelt, sie schreit, wie schön das alles ist und wie großartig und erzählt dann von ihrer letzten Klausur. Betroffene Blicke von überall, aber sie ruft nur: „Ey, wir sind doch hier, um Spaß zu haben.“ Ich schäme mich so, denn gerade jetzt trägt Gabriel, der in seinen bestem Momenten so gut ist wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr, ein neues und unfassbar fragiles Stück vor. Das Studi-Weib kreischt so laut, andere Musiker hätten hier schon abgebrochen.
Und dann, als die Varilights auf der Bühne immer eindringlicher werden und einen ganz großen Abend zaubern, zücken sie alle, alle ihre Smartphones, grotesk große Bildschirme, ich sehe alles fünffach, sechsfach, siebenfach. Wo früher Feuerzeuge brannten, vergiftet jetzt Bildschirmlicht den Raum der hochgereckten Arme, es werden Clips gedreht, die sich niemand jemals wieder ansehen wird, weil es ja fast jedes Konzert mittlerweile in HD auf Blu-Ray und 3-D gibt. Aber die Chance, den Moment zu zerstören, die will sich keiner entgehen lassen. Dass Gabriel dem „Wunderding“ Smartphon die Absolution erteilt, kann auch als Kapitulation verstanden werden.
Alt bin ich geworden, verbittert. Jetzt blinkt es auch auf Bauchhöhe, einer postet das, was er sieht, seinen Facebook-Freunden, was für ein Unsinn und erschreckt stelle ich fest: Das bin ja ich!
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Und mal als Kontrast wie ich es anno 1987 in Bremen erlebte.
Da stand ich schräg links vor der Bühne - mit offenem Mund staunend die bedrohlich wandernden Scheinwerferarme bewundernd. Der Sound ist kristallklar - Gänsehaut - ich bin für mich allein in meiner Welt, obwohl ich von Tausenden umgeben bin, denen es wohl ähnlich geht. Kein Gedränge - ein gemeinsames fast feierliches Aufsaugen Gabriels Magie...
Was bin ich froh, dass daaamals (TM) erlebt zu haben - keine Smartphones, keine quickenden Teenies, keine bierseligen Spakkos, keine Stiernacken-Ordner.
Ich glaube es war eine sehr gute Idee, dass ich nicht in der "gerade aktuellen Sponsorname einsetzen" World in HH auf der aktuellen Tour war. Peter Gabriel wird sicher das Optimum gebracht haben - wer, wenn nicht er, kann so eine "Retro-Tour" stemmen. Aber es ist einfach nicht mehr dasselbe...