Verfasst: Di Nov 19, 2002 3:18 pm
...der Klartext über's aktuelle Musikbusiness spricht. Hier ein Auszug eines Interviews mit Tom Petty aus der vorletzten TV Spielfilm:
Zu Beginn des Jahres wurden Sie und Ihre Band "The Heartbreakers" in die "Rock and Roll Hall Of Fame" aufgenommen.
Und wenn es jemand verdient hat, dann ich. Ich habe mein Leben dem Rock'n'Roll gegeben (lacht). Letztlich wird man aber schon für die Tatsache geehrt, dass man so lange dabei ist.
In dem Titelsong Ihres Albums beschreiben Sie einen DJ, der sich unter keinen Umständen für das Geschäft verbiegen lassen will. Singen Sie über sich?
Nein, ich dachte dabei mehr an den allgemeinen Verfall einer Kultur, die nur noch auf Gewinnzuwachs ausgerichtet ist. Natürlich hat es diese Motivation schon immer in der Popmusik gegeben. Aber heute stehst du, wenn du Musikliebhaber bist, quasi abseits vom Business.
Wurden die Künstler aber nicht früher sogar viel mehr ausgebeutet als heute?
Sicher, aber es gab mal eine Zeit, da wurde das Musikbusiness immerhin von Leuten geleitet, die tatsächlich an Musik interessiert waren. Heute regieren Marketingexperten und Rechtsanwälte. Dadurch sind die Verträge vielleicht besser geworden, aber dieses Stückchen Wahrheit, das wir früher so an der Musik geschätzt haben, das ist fast vollkommen verloren gegangen.
Junge Bands, wie etwa "The Strokes" oder "The Vines", halten doch gerade wieder die Rock-Fahne hoch.
Von "The Strokes" kenne ich nur einen Song, und der klingt am Anfang schwer wie mein "American Girl" (lacht). Aber die Jungs sehen cool aus, und das Ganze scheint mir doch ehrlich zu sein. Eine angenehme Ausnahmeerscheinung.
Den Verfall der Werte sehen Sie aber nicht nur in der Musikindustrie.
Heutzutage kann man ja noch nicht einmal mehr seinem Priester trauen, denn es könnte ja sein, dass er sich an deinen Kindern vergeht. (Anmerkung von mir: Ob das allerdings früher anders war, ist dann auch noch die Frage...) Wir leben in gefährlichen Zeiten. Und viele Künstler sind offenbar zu dumm, das zu realisieren. Man gucke sich zum Beispiel nur den ganzen HipHop an, mit seinem haarsträubenden Kult um Reichtum und Gewalt.
Haben Sie keine Angst, mit so einer Haltung als moralisierender Rock-Opa verlacht zu werden?
Es geht mir nicht um Nostalgie, aber das Besondere ist doch, dass wir uns nach langer Zeit mal wieder Sorgen um die Zukunft unserer Kinder machen müssen.
Hat sich die Popkultur nach dem 11. September 2001 verändert?
Nicht im Geringsten.
Es gibt zu dem Thema einige Songs, die sich auf den Rache-Aspekt beschränken.
Ja, das sind die Momente, in denen ich mich um den Grad der Bildung in diesem Land sorge.
...
Die Kernaussage dieses Interviews ist natürlich der Hinweis auf die Herrschaft kalter Geschäftsleute in der heutigen Musikbranche, die ihren beruflichen Erfolg einzig und allein an der Jahresbilanz messen. Auffällig dabei ist, dass dies in den letzten Jahren mehr oder weniger regelmäßig von den unterschiedlichsten etablierten Künstlern angeprangert wird – und mit Sicherheit nicht aus lauter Neid und Frustration, wie einige Zeitgenossen ja bei derlei Kritik immer mit Pawlowschem Reflex erwidern (kann mich da noch sehr gut an die Reaktionen auf das Pet Shop Boys-Interview vor einiger Zeit erinnern).
Kritik von Altgedienten an diversen aktuellen Künstlern dürfte es schon immer gegeben haben. Aber ich frage mal diejenigen Musik-Freaks, die ein paar Tage älter sind als ich: Hat es eine solche Generalkritik an der gesamten Branche früher auch schon gegeben? Vielleicht kann ja der eine oder andere hier etwas dazu sagen...
Für mich besteht kein Zweifel daran, dass sich da vor allem in den letzen 15 Jahren die Welt der Popmusik grundlegend verändert hat. Den vorerst absoluten Gipfel dieser nur noch auf schnellen Gewinnzuwachs ausgerichteten Entwicklung ist mit der Schwemme der Retortenbands à la No Angels oder Bro'Sis erreicht, wo auf breiter Front gar nicht mehr Wert darauf gelegt wird, echte Vollblutmusiker mit entsprechendem Background zu fördern – sondern einzig leidlich begabte, erfolgsgeile Allerwelts-Schönlinge, die ihre Platten fast ausschließlich durch ihren aufgesetzten Coolheits-Faktor unter die entsprechende Zielgruppe bringen.
Der zweite, ganz entscheidende Grund für die Tatsache, dass der Musikmarkt seit einigen Jahren von einem riesigen Haufen Scheiße überrollt wird, liegt in der rasanten technischen Entwicklung: Mittlerweile kann jeder Depp auf einem einigermaßen ordentlich ausgestatteten PC irgendwelche "Tracks" zusammenschustern – und um heutzutage die dicke Kohle einzufahren, muss man dafür nicht einmal mehr kreativ sein. Man schnappt sich einfach die Sounds und Samples alter Hits, haut irgendwelche aktuellen Beats drunter, jagt die Stimmen völlig talentfreier Hipster durch den Vocoder – fertig ist die Soße, mit der MTV und VIVA ihre Programme garnieren...
Da fliegt einem glatt das Blech weg: Kürzlich habe ich mir bei einem Kumpel auf dessen Rechner solche Hammer-Musikprogramme wie "REASON" oder "REACTOR" ansehen können, die der Sausack auch noch immer für lau irgendwo abgreift. Wenn man sich diese Software mal anschaut – da fällt einem wirklich die Kinnlade runter. Damit scheint quasi alles möglich, das Beherrschen von Instrumenten wird hier völlig obsolet. Da wundert es einen nicht, dass die Charts seit einigen Jahren mit einem musikalischen Junk-Food überschwemmt werden, das sogar die alten Stock/Atze/Wassermann-Kreationen in einem künstlerisch hochwertigen Licht erscheinen lässt...
Tja, und solange sich genügend Leute mit dieser Masche noch genügend den Arsch vollverdienen, dürfte auch eine solch deftige Kritik wie im oben zitierten Interview kaum Gehör unter den Verantwortlichen finden...
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Zu Beginn des Jahres wurden Sie und Ihre Band "The Heartbreakers" in die "Rock and Roll Hall Of Fame" aufgenommen.
Und wenn es jemand verdient hat, dann ich. Ich habe mein Leben dem Rock'n'Roll gegeben (lacht). Letztlich wird man aber schon für die Tatsache geehrt, dass man so lange dabei ist.
In dem Titelsong Ihres Albums beschreiben Sie einen DJ, der sich unter keinen Umständen für das Geschäft verbiegen lassen will. Singen Sie über sich?
Nein, ich dachte dabei mehr an den allgemeinen Verfall einer Kultur, die nur noch auf Gewinnzuwachs ausgerichtet ist. Natürlich hat es diese Motivation schon immer in der Popmusik gegeben. Aber heute stehst du, wenn du Musikliebhaber bist, quasi abseits vom Business.
Wurden die Künstler aber nicht früher sogar viel mehr ausgebeutet als heute?
Sicher, aber es gab mal eine Zeit, da wurde das Musikbusiness immerhin von Leuten geleitet, die tatsächlich an Musik interessiert waren. Heute regieren Marketingexperten und Rechtsanwälte. Dadurch sind die Verträge vielleicht besser geworden, aber dieses Stückchen Wahrheit, das wir früher so an der Musik geschätzt haben, das ist fast vollkommen verloren gegangen.
Junge Bands, wie etwa "The Strokes" oder "The Vines", halten doch gerade wieder die Rock-Fahne hoch.
Von "The Strokes" kenne ich nur einen Song, und der klingt am Anfang schwer wie mein "American Girl" (lacht). Aber die Jungs sehen cool aus, und das Ganze scheint mir doch ehrlich zu sein. Eine angenehme Ausnahmeerscheinung.
Den Verfall der Werte sehen Sie aber nicht nur in der Musikindustrie.
Heutzutage kann man ja noch nicht einmal mehr seinem Priester trauen, denn es könnte ja sein, dass er sich an deinen Kindern vergeht. (Anmerkung von mir: Ob das allerdings früher anders war, ist dann auch noch die Frage...) Wir leben in gefährlichen Zeiten. Und viele Künstler sind offenbar zu dumm, das zu realisieren. Man gucke sich zum Beispiel nur den ganzen HipHop an, mit seinem haarsträubenden Kult um Reichtum und Gewalt.
Haben Sie keine Angst, mit so einer Haltung als moralisierender Rock-Opa verlacht zu werden?
Es geht mir nicht um Nostalgie, aber das Besondere ist doch, dass wir uns nach langer Zeit mal wieder Sorgen um die Zukunft unserer Kinder machen müssen.
Hat sich die Popkultur nach dem 11. September 2001 verändert?
Nicht im Geringsten.
Es gibt zu dem Thema einige Songs, die sich auf den Rache-Aspekt beschränken.
Ja, das sind die Momente, in denen ich mich um den Grad der Bildung in diesem Land sorge.
...
Die Kernaussage dieses Interviews ist natürlich der Hinweis auf die Herrschaft kalter Geschäftsleute in der heutigen Musikbranche, die ihren beruflichen Erfolg einzig und allein an der Jahresbilanz messen. Auffällig dabei ist, dass dies in den letzten Jahren mehr oder weniger regelmäßig von den unterschiedlichsten etablierten Künstlern angeprangert wird – und mit Sicherheit nicht aus lauter Neid und Frustration, wie einige Zeitgenossen ja bei derlei Kritik immer mit Pawlowschem Reflex erwidern (kann mich da noch sehr gut an die Reaktionen auf das Pet Shop Boys-Interview vor einiger Zeit erinnern).
Kritik von Altgedienten an diversen aktuellen Künstlern dürfte es schon immer gegeben haben. Aber ich frage mal diejenigen Musik-Freaks, die ein paar Tage älter sind als ich: Hat es eine solche Generalkritik an der gesamten Branche früher auch schon gegeben? Vielleicht kann ja der eine oder andere hier etwas dazu sagen...
Für mich besteht kein Zweifel daran, dass sich da vor allem in den letzen 15 Jahren die Welt der Popmusik grundlegend verändert hat. Den vorerst absoluten Gipfel dieser nur noch auf schnellen Gewinnzuwachs ausgerichteten Entwicklung ist mit der Schwemme der Retortenbands à la No Angels oder Bro'Sis erreicht, wo auf breiter Front gar nicht mehr Wert darauf gelegt wird, echte Vollblutmusiker mit entsprechendem Background zu fördern – sondern einzig leidlich begabte, erfolgsgeile Allerwelts-Schönlinge, die ihre Platten fast ausschließlich durch ihren aufgesetzten Coolheits-Faktor unter die entsprechende Zielgruppe bringen.
Der zweite, ganz entscheidende Grund für die Tatsache, dass der Musikmarkt seit einigen Jahren von einem riesigen Haufen Scheiße überrollt wird, liegt in der rasanten technischen Entwicklung: Mittlerweile kann jeder Depp auf einem einigermaßen ordentlich ausgestatteten PC irgendwelche "Tracks" zusammenschustern – und um heutzutage die dicke Kohle einzufahren, muss man dafür nicht einmal mehr kreativ sein. Man schnappt sich einfach die Sounds und Samples alter Hits, haut irgendwelche aktuellen Beats drunter, jagt die Stimmen völlig talentfreier Hipster durch den Vocoder – fertig ist die Soße, mit der MTV und VIVA ihre Programme garnieren...
Da fliegt einem glatt das Blech weg: Kürzlich habe ich mir bei einem Kumpel auf dessen Rechner solche Hammer-Musikprogramme wie "REASON" oder "REACTOR" ansehen können, die der Sausack auch noch immer für lau irgendwo abgreift. Wenn man sich diese Software mal anschaut – da fällt einem wirklich die Kinnlade runter. Damit scheint quasi alles möglich, das Beherrschen von Instrumenten wird hier völlig obsolet. Da wundert es einen nicht, dass die Charts seit einigen Jahren mit einem musikalischen Junk-Food überschwemmt werden, das sogar die alten Stock/Atze/Wassermann-Kreationen in einem künstlerisch hochwertigen Licht erscheinen lässt...
Tja, und solange sich genügend Leute mit dieser Masche noch genügend den Arsch vollverdienen, dürfte auch eine solch deftige Kritik wie im oben zitierten Interview kaum Gehör unter den Verantwortlichen finden...
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