Verfasst: Di Sep 12, 2006 1:23 pm
Ich war am 11.09.2001 beim Einschlag des ersten Flugzeugs auch auf der Arbeit und hörte die Nachricht von Kollegen. Da wir kein Radio parat hatten, surfte ich Spiegel Online & Co an. Die Seiten waren ziemlich ausgelastet und die Nachrichtenlage noch wirr. Viele gingen ja anfangs noch von einem Unglück aus.
Als ich dann zu Hause war, setzte ich mich natürlich erstmal vor den Fernseher - und kam dann natürlich auch nicht mehr davon los. Natürlich war ich betroffen angesichts des Elends, dass einem dort hautnah präsentiert wurde. Unvergessen die vielen weinenden Menschen, die nach dem Zusammenbruch der Türme davon ausgehen mussten, dass es viele Freunde und Kollegen nicht geschafft haben. Bedrückend natürlich die Bilder der Menschen, die sich aus den obersten Stockwerken in den Tod stürzten um nicht zu verbrennen. Anfangs musste ich erstmal begreifen, dass diese Szenen nicht dem neuesten Wolfgang Petersen Actionreisser entsprangen, sondern bittere Realität waren. Schließlich hat man als Hollywood-Film-Konsument gegenüber explodierenden Häusern und fliegenden Menschen eine gewisse Gewöhnung antrainiert bekommen - da weiss man ja, dass es nur ein Film ist und nimmt es einfach als "Action" hin.
Die Berichterstattung blieb allgegenwärtig, sämtliche Programm wurden geändert und es sollte ja auch noch auf Wochen so bleiben, dass das Fernsehen kein Lachen zu ließ. Grundtenor: Die Welt wird nie mehr so sein wie sie einmal war.
Ohne Frage, der 11. September ist mit das schrecklichste, was die westliche Welt seit dem letzten Krieg erfahren hat. Allerdings befanden wir uns damit in einer sehr komfortablen und sehr priviligierten Position. Nachdem die Gewissheit da war, dass es sich um Terroranschläge handelte, richtete sich in Form der Peter Klöppels & Co schon am Abend des 11.09.2001 ein Pathos an den Zuschauer, der einem Glauben machen wollte, die Welt würde sich nun ab sofort nie mehr drehen.
Angesichts der historischen Ereignisse die die Welt überlebt hatte ohne stehen zu bleiben und angesichts des auch heute noch stattfindenden Massensterbens an allen Ecken der Welt, ekelte mich das schon damals bei allem Mitgefühl, allem "beeindruckt sein" und allem Mitleid für die Einzelschicksale, einfach nur an.
Es geht nicht darum Opfer in Relation zu setzen, aber war es nicht eben genau jene Überheblichkeit, die mit zu den heute nach wie vor aktuellen Problemen beigetragen hat?
Niemand hat das ganze Programm umgekrempelt wenn in Afrika binnen Wochen Millionen von Menschen gemetzelt wurden, niemand ist so nah mit der Kamera dran, wenn in "bösen Staaten" zehn- oder hunderttausende bei Naturkatastrophen ums leben kommen und niemand ist bei den alltäglich sterbenden zehntausenden Menschen in den Elendsländern der Welt dabei.
Im Irak, einem Land das ein mieses Regime hatte aber als sichere Bank GEGEN den Terror eines Bin Laden keinen Anlass zur Vergeltung des 9/11 gegeben hat, sterben derzeit jeden Monat 2000 Menschen durch fehlgeschlagene Militäöraktionen oder die überbordenden Terrorakte in diesem Land - voll auf Kosten der Zivilbevölkerung die man angeblich befreien wollte.
Diese Menschen verrecken alle genauso elendig, wie jene die am 11.9. im WTC ihr Leben ließen. Sie sind genauso unschuldig und ihr Leben sollte genauso viel wert sein. Doch wo sind die Kameras in solchen Momenten? Warum lachen wir weiter über unsere Comedians, während diese nach 9/11 Sendepause hatten? Wer trauert um diese Toten und nimmt sie nicht nur als monatlich gemeldete anonyme Zahl wahr? Tatsache ist: Das können wir gar nicht! Wir müssen auch unser normales Leben leben.
Also: Niemand betrauert diese Menschen hier, niemand bricht jeden Tag in Weinkrämpfen aus und kann dieses Sterben nicht ertragen. Wir in den entwickelten Ländern sind es eben gewohnt, dass ausserhalb unserer Wohlstandsgrenzen, in der sog. "dritten Welt" oder dem Pulverfass in Nahost täglich kräftig gestorben wird. Dafür spendet man ja an Weihnachten... Doch am 11.09.2001 war es anders. Da starben welche "von uns", welche aus "unserer Welt", welche mit denen wir uns identifizieren konnten.
Ich verstehe deshalb jeden der am 11.09.2001 bitterlich geweint hat, an mir sind diese Tage auch nicht spurlos vorbei gegangen. Es ist normal, dass man umso mehr trauert, desto näher einem jemand war. Und die Amerikaner sind uns nunmal näher als die Somalesen. Aber gerade weil das so ist, habe ich auch schon in jener Nacht vor dem Fernseher den bitteren Beigeschmack geschmeckt, dass diese tief empfundene und ausgelebte Trauer im Grunde ganz dick "zweierlei Maß" ist und es gar nicht zu leugnen ist, dass unsere Welt auch ganz aktiv von uns aus nicht mehr in Ost und West, sondern in Arm und Reich und Christlich/Agnostisch vs. Islam(ist)isch geteilt wird.
PM
Als ich dann zu Hause war, setzte ich mich natürlich erstmal vor den Fernseher - und kam dann natürlich auch nicht mehr davon los. Natürlich war ich betroffen angesichts des Elends, dass einem dort hautnah präsentiert wurde. Unvergessen die vielen weinenden Menschen, die nach dem Zusammenbruch der Türme davon ausgehen mussten, dass es viele Freunde und Kollegen nicht geschafft haben. Bedrückend natürlich die Bilder der Menschen, die sich aus den obersten Stockwerken in den Tod stürzten um nicht zu verbrennen. Anfangs musste ich erstmal begreifen, dass diese Szenen nicht dem neuesten Wolfgang Petersen Actionreisser entsprangen, sondern bittere Realität waren. Schließlich hat man als Hollywood-Film-Konsument gegenüber explodierenden Häusern und fliegenden Menschen eine gewisse Gewöhnung antrainiert bekommen - da weiss man ja, dass es nur ein Film ist und nimmt es einfach als "Action" hin.
Die Berichterstattung blieb allgegenwärtig, sämtliche Programm wurden geändert und es sollte ja auch noch auf Wochen so bleiben, dass das Fernsehen kein Lachen zu ließ. Grundtenor: Die Welt wird nie mehr so sein wie sie einmal war.
Ohne Frage, der 11. September ist mit das schrecklichste, was die westliche Welt seit dem letzten Krieg erfahren hat. Allerdings befanden wir uns damit in einer sehr komfortablen und sehr priviligierten Position. Nachdem die Gewissheit da war, dass es sich um Terroranschläge handelte, richtete sich in Form der Peter Klöppels & Co schon am Abend des 11.09.2001 ein Pathos an den Zuschauer, der einem Glauben machen wollte, die Welt würde sich nun ab sofort nie mehr drehen.
Angesichts der historischen Ereignisse die die Welt überlebt hatte ohne stehen zu bleiben und angesichts des auch heute noch stattfindenden Massensterbens an allen Ecken der Welt, ekelte mich das schon damals bei allem Mitgefühl, allem "beeindruckt sein" und allem Mitleid für die Einzelschicksale, einfach nur an.
Es geht nicht darum Opfer in Relation zu setzen, aber war es nicht eben genau jene Überheblichkeit, die mit zu den heute nach wie vor aktuellen Problemen beigetragen hat?
Niemand hat das ganze Programm umgekrempelt wenn in Afrika binnen Wochen Millionen von Menschen gemetzelt wurden, niemand ist so nah mit der Kamera dran, wenn in "bösen Staaten" zehn- oder hunderttausende bei Naturkatastrophen ums leben kommen und niemand ist bei den alltäglich sterbenden zehntausenden Menschen in den Elendsländern der Welt dabei.
Im Irak, einem Land das ein mieses Regime hatte aber als sichere Bank GEGEN den Terror eines Bin Laden keinen Anlass zur Vergeltung des 9/11 gegeben hat, sterben derzeit jeden Monat 2000 Menschen durch fehlgeschlagene Militäöraktionen oder die überbordenden Terrorakte in diesem Land - voll auf Kosten der Zivilbevölkerung die man angeblich befreien wollte.
Diese Menschen verrecken alle genauso elendig, wie jene die am 11.9. im WTC ihr Leben ließen. Sie sind genauso unschuldig und ihr Leben sollte genauso viel wert sein. Doch wo sind die Kameras in solchen Momenten? Warum lachen wir weiter über unsere Comedians, während diese nach 9/11 Sendepause hatten? Wer trauert um diese Toten und nimmt sie nicht nur als monatlich gemeldete anonyme Zahl wahr? Tatsache ist: Das können wir gar nicht! Wir müssen auch unser normales Leben leben.
Also: Niemand betrauert diese Menschen hier, niemand bricht jeden Tag in Weinkrämpfen aus und kann dieses Sterben nicht ertragen. Wir in den entwickelten Ländern sind es eben gewohnt, dass ausserhalb unserer Wohlstandsgrenzen, in der sog. "dritten Welt" oder dem Pulverfass in Nahost täglich kräftig gestorben wird. Dafür spendet man ja an Weihnachten... Doch am 11.09.2001 war es anders. Da starben welche "von uns", welche aus "unserer Welt", welche mit denen wir uns identifizieren konnten.
Ich verstehe deshalb jeden der am 11.09.2001 bitterlich geweint hat, an mir sind diese Tage auch nicht spurlos vorbei gegangen. Es ist normal, dass man umso mehr trauert, desto näher einem jemand war. Und die Amerikaner sind uns nunmal näher als die Somalesen. Aber gerade weil das so ist, habe ich auch schon in jener Nacht vor dem Fernseher den bitteren Beigeschmack geschmeckt, dass diese tief empfundene und ausgelebte Trauer im Grunde ganz dick "zweierlei Maß" ist und es gar nicht zu leugnen ist, dass unsere Welt auch ganz aktiv von uns aus nicht mehr in Ost und West, sondern in Arm und Reich und Christlich/Agnostisch vs. Islam(ist)isch geteilt wird.
PM