Die neue Landflucht: Wird es zu voll in unseren Größstädten?

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Die Luftgitarre
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Die neue Landflucht: Wird es zu voll in unseren Gr

Beitrag von Die Luftgitarre »

Ein vielleicht etwa subjektiv eingefärbter Beitrag:

Wie wahrscheinlich die meisten Großstädter hab ich die politischen und wissenschaftlichen Debatten über die immer stärkere Abwanderung aus dem ländlichen Raum und die Ausdünnung der dortigen Infrastruktur (Schließung von Postämtern, Schulen, Arztpraxen ect.) bisher nur ganz am Rande wahrgenommen. Als Fan von Horrorfilmen konnte ich der Vorstellung eines brachfallenden und verwildernden ländlichen Raums sogar einen gewissen Reiz abgewinnen und hätte vielleicht wirtschaftsliberalen Vorschlägen, die Sache mittels einer Strom- und Wasserpreisaufschlägen für periphere Kleinstsiedlungen zu beschleunigen Landflucht: Sollen wir die Dörfer aufgeben? | ZEIT ONLINE , zugestimmt.

Völlig anders sehe ich das, seitdem die Zuwanderung aus dem ländlichen Raum nicht mehr nur den großstädtischen Geburtenrückgang ausgleicht, sondern darüber hinaus zu einer im Alltag spürbaren Bevölkerungszunahme führt: überfüllte U-Bahnen und eine Verdichtung der Bebauung (auch und gerade im Stadtrandbereich) sind nur die auffälligsten Zeichen. Die Mieten steigen, neulich musste "mein" Bäcker vorne an der Ecke schließen, weil die Ladenmiete zu teuer wurde, zwei Straßen weiter wurde das älteste Haus der ganzen Wohngegend (1909!) abgerissen, um einen mehrstöckigen Wohnblock zu bauen. In Parks und an Badeseen, wo man bisher zum chillen hinfuhr, wird's mit jedem Sommer voller und rummeliger. Und einem bisher eher lauschig-gemütlichen Ausgehviertel, wo man bisher an Sommerabenden spontan draußen speiste, muss man sich jetzt als gebürtiger Hamburger wie ein Tourist durch eine Menschenmenge drängeln und eine Stunde auf einen frei werdenden Tisch warten.
:opa:

Zugegeben: In solchen Situationen ertappe ich mich manchmal bei Gedanken wie "Was wollen die alle hier?!?" Ernsthaft betrachtet ist es natürlich ein Problem der wirtschaftspolitischen und raumplanerischen Lenkung. Es gab in der Bonner Bundesrepublik die Leitvorstellung einer "Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse im Bundesgebiet" (Art. 72 GG) und das wurde mit viel Steuergeld auch tatsächlich immer wieder umgesetzt, ein Aspekt, in dem sich der westdeutsche Staat stark unterschied von Ländern wie Frankreich oder Großbritannien, in denen es stets einige 'vergessene' Provinzen gab. In den 90ern aber hat man sich in Deutschland stillschweigend von dieser Vorstellung verabschiedet. Zuerst der Zusammenbruch Ost (v. a. in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg) und dann die Globalisierung - angesichts der entfesselten Marktkräfte schien politisches Gegensteuern auch in raumpolitischer Hinsicht zwecklos. Mittlerweile kommt noch hinzu, dass der Trend zur Lebensabschnittspartnerschaft, zur wechselhaften Erwerbsbiographie und zur Vollerwerbstätigkeit beider Geschlechter ein Wohnen "weit draußen" (fernab von Kita, Arbeitsmarkt und Flirtmarkt) unpraktikabel macht.Stadt, Land, Flucht! - BRIGITTE.de Vor 10 Jahren hatte man noch angenommen, dass das Internet den Faktor Raum unwichtiger werden ließe. Tatsächlich aber ist er heute wichtiger denn je und alles strömt in die Großstädte ...
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Laschek
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AW: Die neue Landflucht: Wird es zu voll in unseren Gr

Beitrag von Laschek »

Ich wohn auf dem Land, hier ist eher das Gegenteil der Fall.
Das Dorf hat sich in den letzten Jahren merklich vergrößert, auch in den Nachbardörfern gab es einige Neubaugebiete.
Vor allem im Ort wo unsere Verbandsgemeinde ihren Sitz hat gibt es Einkaufsmöglichkeiten en masse, es ist ein regelrechtes kleines Gewerbegebiet entstanden. In die 10km entfernte 100000 Einwohner Stadt muss ich nur noch selten.
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PostMortem
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AW: Die neue Landflucht: Wird es zu voll in unseren Gr

Beitrag von PostMortem »

Dorf ist aber auch nicht gleich Dorf.

Ein Dorf in der Nähe einer größeren Stadt gehört zu ihrem "Speckgürtel" und bietet schlicht eine günstige Wohnmöglichkeit in nur kurzer Entfernung vom Arbeitsplatz. Diese Entwicklung kann man auch im Speckgürtel der Landeshauptstädte und Großstädte beobachten. Manche Bürgermeister sagen ja auch ganz unverblümt, dass doch ins Umland ziehen soll, wer sich die teure Großstadt nicht mehr leisten kann. Klar, dass in den umliegenden Städtchen und Dörfern dann jede Menge Neubaugebiete ausgewiesen werden und auch Familen dort gerne noch ein Häuschen bauen. Die 10 oder 15km Arbeitsweg tun nicht weh und gehen sogar manchmal schneller als der alte Arbeitsweg durch die ganze Stadt.

Diese Dörfer haben aber nichts gemeinsam mit dem platten Land in zahlreichen ostdeutschen Bundesländern, im Harz, in Nordbayern, der Eifel etc. Dort kann man mittlerweile ganz ansehnliche Häuser für 20.000 Euro kaufen, weil diese Dörfer schlicht aussterben.

Es wird ja immer wieder erklärt, dass die gebildeten Büro-Doppelverdiener von heute natürlich in der Stadt leben, weil sie gebildeter sind und Wahnsinns-Kulturangebote etc. brauchen. Für mich klingt das aber immer sehr übertrieben. Die meisten Leute die ich kenne, haben nach dem steigenden Stress im Büro nicht ständig hippe Kulturangebote im Kopf, sondern schlicht Garten, Terrasse oder Sofa. Das gibts (teilweise sogar besser) auch auf dem Land.

Richtiges Land ist aber eben öfters weiter weg und neben anderen Faktoren (Demografie etc.) liegt die Landflucht fpr mich deshalb auch an der drastischen Verteuerung von Mobilität, bei gleichzeitiger Absenkung des Lohnniveaus in vielen Branchen. Früher waren viele Leute bereit auch weite Strecken bis zu 100km für den Arbeitsweg in Kauf zu nehmen. Das ging und geht meistens nur mit dem PKW, will man nicht das halbe Leben im ÖPNV verbringen. Damals hat sich das aber auch oft noch gelohnt. Heute wo Niedriglöhne und Zeitarbeit an der Tagesordnung sind, kann kaum noch jemand das geerbte Häuschen im Dorf halten und teuer weite Strecken zur Arbeit zurücklegen (Kraftstoff, Verschleiss etc.). Die Leute geben stattdessen ihre Heimat auf und begnügen sich in der Stadt oder ihrem "Speckgürtel" mit einer kleinen Wohnung im 60er Jahre Mehrparteienhaus. Mehr können sie sich schlicht nicht mehr leisten. Es ist aber natürlich auch ideologisch viel dafür getan worden, dass Image vom Stadtwohnen wieder angesagt und trendy zu machen, alleine schon um der ökologisch kurzen Wege willen. Viele können es ich in den Großstädten ja auch leisten und verdrängen in den gentrifizierten Ex-Arbeiterwohnvierteln die dort einst Heimischen. Dumm nur, dass die Neu-Mieter dann eben trotzdem mit dem Porsche Cayenne, Panamera oder wenigstens VW Touareg durch den City-Stau zur Arbeit fahren...

In vielen einst florierenden Dörfern ist nach dem wegbrechen der Landarbeiter-Jobs und der Konzentration der Landwirtschaftsbetriebe ja auch schlicht "DER Arbeitgeber am Ort" weggefallen und mit ihm fast alle Jobs. Wenn dann die in guten Jahren aufgebaute Infrastruktur durch wegbrechende Steuereinnahmen nicht mehr gepflegt werden kann, sieht es ja auch ruckzuck nicht mehr einladend aus. Dann will jeder der jung ist und kann nur noch schnell weg und es wird noch schlimmer... Diese Dörfer frisst m. E. auch die Globalisierung. Und die schon in Eichels Zeiten auf den Weg gebrachten Gesetze zur einfacheren Unternehmensveräußerung haben wohl genauso dazu beigetragen wie die ungerechte Subventionierung von Unternehmensverlagerungen in andere Bundesländer. In Dorf oder Städtchen XY steht dann manchmal nur noch die Hülle eines kompletten mittelständischen Betriebs als Postadresse in Niedersachsen und irgendwo in Sachsen-Anhalt (oder im Ausland) wird tatsächlich produziert.

Ich mag es nicht, wie sich die Dinge nach hunderten Jahren in so kurzer Zeit aufgrund völlig kurzsichtiger und manchmal rein aktionistischer Politik völlig verändern. Was da alles an Lebensräumen, Kulturgut und architektonisch wertvollem nach so langer Existenz wegen aktueller Moden vor die Hunde geht, ist einfach traurig. Aber was will man machen?
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waschbaer
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AW: Die neue Landflucht: Wird es zu voll in unseren Gr

Beitrag von waschbaer »

Ich habe das Glück direkt in so eiem "Speckgürtel" zu leben. Zwar ist mein Wohnort mit 28 000 Einwohnern nicht gerade mehr ein Dorf, aber eben auch noch weit von einer Großstadt entfernt. Nach Augsburg habe ich knappe zehn bis fünfzehn Minuten Autofahrtzeit und nach München sind es - je nach Verkehrslage dreißig bis fünfundvierzig Minuten. So etwas hat für mich viele Vorteile. Allerdings merkt man auch hier, dass die Mietpreise, Immobilienpreiose in den letzten Jahren deutlich nach oben gegangen sind und eben auch hier - leider - einige langjährige Geschäfte schließen mussten, weil sie sich eben die Mieten nicht mehr leisten konnten.

Nun aber zum eigentlich Thema. Dass es in den Städten immer voller wird, merke ich v.a. wenn ich mal mit dem Auto nach Augsburg reinfahre. An einen kostenfreien Parkplatz zu kommen, daran ist gar nicht mehr zu denken. Kleinere Straßen, wo ich noch vor wenigen Jahren nahezu immer einen freien Platz gefunden habe, sind nun reine Anwohnerplätze, Neibaugebiete schießen wie Pilze aus dem Boden und das Univiertel hat sich seit meiner Studienzeit flächenmäßig mehr als verdoppelt. Irgendwo müssen die ganzen Leute ja herkommen.
Zuletzt geändert von waschbaer am Do Jan 01, 1970 1:00 am, insgesamt 0-mal geändert.
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