Mag sein, dass die mittleren Jahre des 80er-Jahrzehnts für viele stellvertretend für diese Dekade sind. Fakt ist aber auch, dass es die hier genannten Unterschiede in fast allen Jahrzehnten gab und es daher der ganz normale Lauf der Dinge ist. Beispiel 70er-Jahre: Die erste Hälfte war noch von der Hippie-Ära geprägt; als der Vietnam-Krieg beendet war, widmete sich die Jugend dann wieder den angenehmeren Dingen des Lebens. Nicht ohne Grund entstand die Disco-Welle ab ca. 1975; und da es in dieser Zeit weltpolitisch nicht wirklich viel Empörendes gab, ward ab 1977 dann der Punk geboren, der in seiner dümmlich-provokanten Attitüde gegen alle möglichen innergesellschaftlichen Zustände aufmucken wollte.
Ab Anfang der 80er verschmolz dies dann mit der weit verbreiteten Stimmung gegen die atomare Aufrüstung. Weltuntergangs-Szenarien wurden in den schillerndsten Farben ausgemalt, und so entstanden dann eben auch eher düster-romantische Musikstile wie New Wave oder New Romantic.
Und als viele dann in der zweiten Hälfte der 80er merkten, dass die angeblich so akute Bedrohung vor allem eine große Massen-Hysterie war und die politische Lage sich entspannte, schlug das Lebensgefühl auch nun wieder mehr in Richtung Spaßgesellschaft aus. Es gab mehr so genannten Kaugummi-Pop à la
S/A/W, und das war für die sozialkritisch konditionierten Musikhörer der ersten 80er-Hälfte dann das deutliche Zeichen dafür, dass es abwärts geht.
Ich habe diese ganze Aufregung um die atomare Bedrohung schon damals nicht nachvollziehen können. Für mich war klar, dass so schnell keiner der beiden Supermächte auf die Idee kommen würde, mal flux auf den Knopf zu drücken - so mir nichts, dir nichts gibt sich von einigermaßen klar denkenden Politikern keiner mal eben so dem kollektiven Selbstmord hin. Zumal beide Seiten aus der
wirklich bedrohlichen Lage in der Kuba-Krise gelernt hatten und kaum daran interessiert gewesen sein dürften, sich abermals in ein solches Szenario zu begeben.
Von daher war der damals viel kritisierte NATO-Doppelbeschluss von 1979 de facto ein Garant für Stabilität, so pervers das vielleicht auch in den Ohren eingefleischter Pazifisten klingen mag. Nicht umsonst gilt
Helmut Schmidt, der diesen Beschluss forcierte, unter Polit-Kennern als der mit Abstand intelligenteste und weitsichtigste Kanzler, den diese Republik bis heute hatte.
Ich habe mich in meinem Verwandtenkreis mal bei Leuten umgehört, die aufgrund ihres höheren Alters die erste Hälfte der 80er deutlich bewusster miterlebt haben. Fast einhelliger Tenor ist, dass die in diesem Thread beschriebene atomare Bedrohungslage längst nicht als
so schlimm empfunden wurde, wie es hier teilweise geäußert wird. Und Tschernobyl? Klar, in den ersten Tagen machten viele auf betroffen und wollten es schon immer gewusst haben: Die Welt geht unter! Komisch nur, dass die meisten (und auch ich damals) schon nach kurzer Zeit wieder zur Tagesordnung übergingen und den angeblichen Super-GAU als das einstuften, was er tatsächlich war: Ein in diesem Ausmaß singuläres Ereignis, bei dem ein völlig marodes Kernkraftwerk in die Luft flog.
Und das sollte nun stellvertretend für die Zukunft sein? Eine Welt, in der man ständig mit der Angst im Nacken herumläuft, als nächster verstrahlt zu werden? Nee, das war für mich nie ein Thema. Nur, weil in der Vergangenheit schon etliche klapprige und verrostete Autos folgenschwere Unfälle produziert haben, kommt ja auch kein Mensch auf den Gedanken, nie wieder in ein Auto zu steigen...
Tschernobyl war wahrscheinlich sogar notwenig, um die Atomenergie in der Folgezeit deutlich sicherer zu machen - der Mensch lernt ja meistens nur aus Fehlern. Und solange es keine ernsthafte Alternative zu dieser Art der Energiegewinnung gibt, halte ich sie leider für ein notwendiges Übel. Langfristig bin ich auch für die Abschaffung, aber man muss realistisch bleiben und einsehen, dass es wohl noch ein paar Jahre dauern wird.
Übrigens: Der Song
"Tschernobyl" von
Wolf Maahn ist für mich eines der übelsten Produkte von Betroffenheits-Geseire, die die 80er hervorgebracht haben. Um's mal mit den Worten von
Roger Willemsen zu sagen: Da kommt mir der Kotz hoch! Wahrscheinlich bildet sich der Kerl heute noch ein, mit diesem zeigefingernden Bullshit irgendwas erreicht zu haben - dabei gibt's nix Schlimmeres als Musiker, die tatsächlich glauben, mit solchen Botschaften die Welt zu verändern!
Dann lieber das sinnfreie Mitsäuseln von
Tiffany-Songs...
Nee, liebe Leute, eines dürfte klar sein: Die heutige Weltlage stellt eine wesentlich größere Bedrohung dar, als es die 80er jemals sein konnten. Damals gab es eine klare Ost-West-Konfrontation und eine Art symmetrischer Feindschaft: zwei Weltmächte im machtpolitischen Schwanzvergleich. Die Situation war einfach und klar, der Feind war jederzeit lokalisierbar.
Seit einiger Zeit aber hat der internationale Terror die Schreckensherrschaft an sich gerissen: Man kan nunmehr an keinem Ort und zu keiner Zeit mehr sicher sein, nicht selbst Opfer irgendwelcher fundamentalistischer Irrer zu werden. Es gibt eben nix Gefährlicheres als Menschen, denen der eigene Tod schnurzegal ist - gegen Selbstmordattacken ist kein Kraut gewachsen. Der Feind ist nicht greifbar, nicht mal zu erahnen - mein Nachbar über mir könnte theoretisch schon an der nächsten Bombe brüten. Ich selbst mache mir auch darüber keine großen Gedanken, denn sonst würde man ja wahnsinnig werden. Aber im Vergleich zu heute war die Situation in den 80ern ein harmloses Kinderspiel!
Themenwechsel!
Was die "modischen Entgleisungen" angeht: Wenn ich mir Fotos und TV-Bilder aus der ersten 80er-Hälfte anschaue, so stehen die damaligen Schrecklichkeiten denen der späteren Jahre in keinster Weise nach. Vorher war's eher düster, später blendend bunt - beides kam in derart extremer Ausprägung daher, dass sich nun weiß Gott keine Phase über die andere lustig machen braucht. Das wäre ja ungefähr so, als würde
Saddam Hussein von
Adolf Hitler sagen, dass dieser ein schlechter Mensch gewesen sei...
Stichwort Musik: Diejenigen, die das Ende der 80er so um 1987 festlegen, stoßen sich ja bekanntlich vor allem an der damals aufkommenden Techno-Welle, die in Projekten wie
Bomb The Bass,
M/A/R/R/S oder
Coldcut ihren chartstauglichen Anfang nahm. Wenn einem diese Art der Musik nicht gefällt, ist ja nichts dagegen zu sagen - aber die 80er sind nun mal auch das Jahrzehnt, in dem die elektronisch erzeugte Musik ihren Siegeszug um die Welt antrat. Und dazu zählen eben auch Bands wie
Heaven 17,
OMD oder
Ultravox, sodass auch diese Protagonisten - und wenn nur ungewollt - dazu beigetragen haben, dass sich daraus später verschiedenste Mutationen bildeten.
Überhaupt: In den USA z. B. dürfte die Entwicklung der 80er deutlich anders gesehen werden. Denn dort entstand seit 1983 das, was wenig später als House (hauptsächlich Chicago House und Detroit Techno-House) das große Ding in den Clubs wurde. Ab 1987 schwappten die Einflüsse dieser tanzorientierten Musik dann auch in die europäischen Hitparaden und bildeten den großen Gegensatz zur üblichen Pop-Mucke. Im Grunde genommen wurde hier schon die Einstellung deutlich, die
Westbam später mit seinem Track
"No More Fucking Rock'n'Roll" zum Ausdruck brachte: Ablösung der Rock- und Popkultur als führende Stilrichtung und Hinwendung zu durchweg technoiden Sounds. Tja, und wenn man sich die kommerzielle Musiklandschaft der letzten Jahre so anschaut, dürfte dieses Vorhaben wohl (leider?) gelungen sein...
Mein Fazit: Ich schätze die 80er in
all ihren Variationen genauso wie die 70er mit ihren unterschiedlichsten gesellschaftlichen und künstlerischen Strömungen. Eine Einteilung in besser / schlechter oder typisch / untypisch halte ich für unangebracht subjektiv und kann daher
QBerts Position durchaus nachvollziehen...
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