Meine Meinung nach Ausstrahlung der fünf Folgen:
Die Sendung hätte nicht
"Jahrzehnte-Show" heißen sollen, sondern
"Jahrzehnte-Talk-Show". Die lachhaft kurzen Einspieler zu Musik, Fernsehen oder Zeitgeschehen waren nur als Themengeber für die ausgiebigen Gespräche gedacht und ließen nicht mal ansatzweise ein gewisses Nostalgie-Gefühl aufkommen.
Natürlich war die Sendezeit viel zu kurz, zumal sie stellenweise mit unnötig in die Länge gezogenen Gesprächen verschwendet wurde. Aber ganz offensichtlich war das Ganze auch nur als eine Sonderausgabe der
Kerner-Show gedacht, sozusagen als Motto-Talk.
Ärgerlich, dass ausgerechnet die 80er-Sendung fast ausschließlich vom Thema "Deutsche Einheit" beherrscht wurde – als wenn man die Geschichten rund um dieses historische Ereignis nicht schon hunderfach gehört hätte...
Und wie, bitteschön, schafft man es allen Ernstes, in einer 90er-Sendung das Thema Golfkrieg nicht mit einem einzigen Wort zu erwähnen? Als wenn dies nicht eines der entscheidenden weltpolitischen Ereignisse während dieses Jahrzehnts gewesen wäre...
*kopfschüttel*
Kurz zu einigen Gästen aus den Folgen für die 70er, 80er und 90er:
Angela Merkel, deren Anblick ich ansonsten eigentlich kaum ertrage, war diesmal auffallend sympathisch.
Gottschalk und
Beckenbauer waren ergiebig und kurzweilig, da habe ich ganz gerne zugehört.
Heike Drechseler war zwar nett wie immer, ist aber für Talk-Shows nicht besonders gut geeignet, weil sie eben kein rhetorisch ergiebiges Talent hat. Ganz im Gegensatz zu
Kai Pflaume, der immer mit klarer Betonung die Dinge auf den Punkt zu bringen weiß und bei seinen Erzählungen nicht ewig weit abschweift. Im Übrigen wäre er mit Sicherheit ein wesentlich erquickender Moderator als der Weichspüler
Kerner – mehr zu diesem Thema aber weiter unten...
Helmut Kohl war nicht ganz so selbstverliebt wie befürchtet, hatte aber aufgrund des dominierenden Themas "Deutsche Einheit" für mein Empfinden zu viel Redezeit. Wenigstens hielt er sich vor allem mit parteipolitisch gefärbten Aussagen deutlich zurück, was das Gespräch auf eine halbwegs sachliche Ebene brachte.
Die personifizierte Langeweile
Frank Elstner, der bis heute einen
Gottschalk-Komplex mit sich herumträgt, hatte dieses Mal wenigstens ein paar halbwegs interessante Details zu erzählen. Ansonsten kann ich nur hoffen, dass uns dieser Mann in Zukunft nicht mehr allzu oft mit seiner TV-Präsenz belästigen wird...
Die Besetzung der 90er-Show war besser als erwartet: Hatte ich zunächst gedacht, die Labertaschen
Feldbusch und
Matthäus würden die ganze Zeit nerven, so hielt sich wenigstens der ehemalige Weltfußballer angenehm zurück. Das Blubb-Mäuschen produzierte sich derweil mit naiven Fragen und konnte natürlich auch dieses Mal nicht umhin, mindestens einmal "Veronas Dreams" zu erwähnen.
Gregor Gysi und
Ingolf Lück hätte ich noch stundenlang zuhören können, die haben einfach eine locker-informative Art zu erzählen. Insbesondere der ehemalige
"Wochenshow"-Moderator hätte ruhig häufiger zu Wort kommen dürfen...
Thema TV-Moderatoren:
Was
Johnny B. Kerner angeht, kann ich mich nur den Worten von
QBert aus Posting 004 anschließen. Seine fast schon anbiedernde Art der Moderation ist auf Dauer nervtötend waschlappig – Sympathie ja, Charisma nein. Unerträglich auch sein inflationärer Gebrauch des Wortes "interessant", das man gerade deshalb nicht mehr ernst nehmen kann...
Aber über diese Generation der Moderatoren habe ich mich ja schon häufiger ausgelassen. Völlig egal, ob nun ein
Kerner,
Geissen,
Pilawa,
Clerici,
Franklin oder
Türck: Sie sind allesamt mit der Ausstrahlung eines Steuerformulars ausgestattet. So wundert es auch nicht, dass das Triumvirat des deutschen TV-Entertainments (
Gottschalk,
Jauch und
Schmidt) immer wieder mal sarkastische Spitzen in Richtung dieser chronischen Langweiler abschießt...
Fatal übrigens auch, wenn das Produkt vererbter Trostlosigkeit ebenfalls direkt auf das TV-Publikum losgelassen wird: Wer einen Thomas Elstner ernsthaft für eine Abendshow engagiert, muss schon sehr verzweifelt sein. Sind in Deutschland tatsächlich keine
echten[/b[ Talente in Sicht? Exaltierte Rampensäue, die wirklich vor eine Kamera gehören und mit ihrer Ausstrahlung die Massen begeistern, können doch nicht einfach ausgestorben sein! Wo steht eigentlich geschrieben, dass der moderne TV-Moderator das Aussehen eines Katalog-Models und die Persönlichkeit eines mittleren Finanzbeamten haben muss?
So kann man wenigstens froh sein, dass es noch Leute wie Hape Kerkeling, Ingolf Lück, Jürgen von der Lippe oder durchaus auch einen Kai Pflaume gibt, die wesentlich mehr auf dem Kasten haben als Freundlichkeitsterror und Kinderhumor. Außerdem sind auch Frauen wie Anke Engelke oder Barbara Schöneberger ein Glücksfall für die deutsche TV-Landschaft, die ansonsten wahrscheinlich bald in heimeligem Gutmenschentum versinken würde... *brech*
@ QBert:
"Auch die Zeit von Willi Brandt finde ich unglaublich interessant und bedaure es sehr, das er leider schon tot ist (auch für die heutige Sendung wäre er als Gast sicherlich nicht uninteressant gewesen)."
Kleiner Tipp von mir: Für die Zeit von Willy Brandt gibt es jemanden, der wie kein Zweiter aus dieser politischen Ära zu berichten weiß: Egon Bahr. Ich habe in den letzten Jahren häufiger ausgiebige Interviews mit ihm im TV verfolgt und noch nie einen (Ex-)Politiker erlebt, der so spannend und intelligent zu erzählen weiß (höchstens noch Helmut Schmidt). Bei Interviews mit ihm habe ich stellenweise regelrecht an der Mattscheibe geklebt, so interessant sind seine Einsichten. Hätte ich in der Schule einen Geschichtslehrer mit einer solchen Ausstrahlung gehabt, wäre das sicher mein Lieblingsfach gewesen... 
Wenn solche Persönlichkeiten von früher erzählen, gibt es für junge Menschen nur eine Devise: Schnauze halten, zuhören und lernen!
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