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bubu postete
Das sehe ich nicht so. Vielmehr wird sowohl die Gewalt als auch die moralische Verkommenheit als cool und stilvoll zelebriert.[/quote]Ich gebe zu, dass ich mir bei der Interpretation
Tarantinos Gewaltdarstellung auch nicht 100prozentig schlüssig bin. Einerseits könnte man Stil und Coolness ebenfalls als Ausdrucksmittel werten, um den Figuren eine entsprechende Charakterfärbung zu verleihen. Andererseits: Wenn
Tarantino selbst schon sagt, dass er die Zuschauer mit ungewöhnlichen Mitteln zum Lachen bringen will, legt das natürlich den Verdacht nahe, dass er mit den niedersten humoristischen Trieben seines Publikums spielt und diese durch den Akt der Gewalt schlichtweg amüsieren will.
Die entscheidende Frage wäre dann: Ist es moralisch verwerflich, sich durch die Gewalt erheitern zu lassen, die den Opfern in den Filmen angetan wird? Darüber könnte man wohl endlos diskutieren, denn Moral ist schließlich auch nur ein gesellschaftliches Konstrukt. Und bin ich zwangsläufig ein schlechter Mensch, wenn ich über solche - meist überspitzt-absurden - Szenen lache? Wohl nein, solange ich im realen Leben nicht ebenso emotional verrottet bin. Über die reale Gewalt, die z. B. über die TV-Nachrichten in unsere Wohnzimmer flimmert, amüsiere ich mich jedenfalls nicht, sondern empfinde dabei wie jeder gescheite Mensch auch Empörung, Wut oder Trauer.
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bubu postete
Muss man nicht, klar. Aber was ich einfach sagen wollte, war folgendes: es kommt bei der Darstellung der Gewalt vor allem auf die Motivation an, aus der heraus sie geschieht. Und ich finde es weniger verwerflich, Gewalt aus einem Gefühl der Rache heraus auszuüben, denn schlicht aus der Lust am Töten selbst, bzw. sogar nur aus Langeweile und Coolness.[/quote]Hm, wenn du eingehender darüber nachdenkst, wird dir auffallen, dass auch die Figuren aus
"Pulp Fiction" nicht einfach aus Lust, Langeweile oder Coolness töten, sondern es dafür genauso wie in
"Kill Bill" Motive gibt: Bestrafung, Überlebenskampf, Ungeschicktheit (der Kopfschuss im Auto) usw. Aus reiner Mordlust handeln meines Wissens nach dagegen die Hauptfiguren in
"Natural Born Killers" (hab den Film nur einmal gesehen) - und bezeichnenderweise wurde dieser Streifen von
Tarantino ja auch sehr kritisiert.
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bubu postete
Außerdem sehe ich in diesem Film Tarantinos Bestreben, die Traditionen alter japanischer Samurai-Künste aufzugreifen und zu erläutern. Und diese sehen nun mal eine stilistisch perfekte Waffentechnik vor und ja, auch der Akt des Tötens gilt in der Tradition der Samurai als Kunst, obwohl das die Sache natürlich keineswegs weniger grausam macht. Die Sache an sich kann man natürlich moralisch ebenso verurteilen, ich habe "Kill Bill" aber unter diesem traditionellen Aspekt gesehen, insofern fand' ich's legitim.[/quote]Naja, insofern kann man sich natürlich die Rechtfertigung in gewisser Weise immer auch ein bisschen zurechtbasteln, nicht wahr? Dass der Akt des Tötens als "Kunst" angesehen wird, macht seine Tradition nicht besser und ist fast noch verwerflicher als die reine Lust am Töten. Kritische Geister könnten also entgegnen, dass man eine derart abstoßende Gesinnung nicht auch noch als Motiv für eine filmische Darstellung missbrauchen sollte.
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bubu postete
Ja sicher habe ich "Jackie Brown" gesehen. Ich kritisiere keine Filme, die ich nicht kenne (und im übrigen hätte ich mich dann auch nicht im "Überschätzte-Filme"-Thread über ihn ausgelassen

)[/quote]War natürlich nur 'ne rhetorische Provo-Frage, weil der Unterschied zwischen
"Pulp Fiction" und
"Jackie Brown" nicht gerade gering ist…
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bubu postete
Es gibt aber eine Szene, die in meinen Augen viel Porzellan zerschlagen hat - und zwar die Parkplatz-Szene, wo Robert De Niro Bridget Fonda wie beiläufig einfach mal eben so erschießt, bloß weil sie ihm mit ihrer Nörgelei auf die Nerven geht.[/quote]Der Witz ist aber: Man selbst erlebt doch gelegentlich auch mal Situationen, in denen man so genervt ist, dass in einem quasi so was wie eine latente Mordlust hochsteigt. Und
Tarantinos Figuren sind emotional eben derart verkrüppelt, dass sie solchen Trieben ungerührt nachgeben. Insofern kann ich die Parkplatz-Szene gar nicht mal als außergewöhnlich zynisch empfinden, auch wenn das im ersten Moment aufgrund der vermeintlichen Absurdität so erscheinen mag.
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bubu postete
Genau diese zynische Haltung kommt bei "Pulp Fiction" noch viel deutlicher zum Ausdruck, z.B. als John Travolta aus Versehen im Auto den Typen erschießt, weil es gerade zufällig über ein Schlagloch fährt und er versehentlich den Abzug betätigt.[/quote]Zunächst nutzt
Tarantino diesen Moment natürlich aus, um beim Publikum wieder einen ambivalenten Lacher zu ernten. Darüber hinaus verdeutlicht diese Begebenheit in der Folge dann allerdings umso stärker die moralische Verkommenheit der Hauptfiguren: Man geht mit dem Tod eines Menschen um wie mit 'ner Reifenpanne, bei der man anschließend einfach nur die Folgen beseitigen muss.
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bubu postete
Daran kannst du sehen, wie unreflektiert seine Filme aufgenommen werden und wie sehr sich die Leute von der reinen Hülle blenden lassen. Das stilvolle aber zugleich banale, mit cooler Musik und in schnellem Tempo inszenierte Töten ist es, was die Leute offenbar so fasziniert.[/quote]Abermals die Frage: Kann man
das ernsthaft verurteilen, solange sich die Leute im wahren Leben ganz anders verhalten? Solange man eben
nicht zu den wenigen Gestörten zählt, die solcherlei Filme für bare Münze nehmen, sich ein Waffen-Arsenal zulegen und dann beispielsweise in Schulen kaltblütigsten Amok laufen?
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bubu postete
Ein echter Künstler ist per definitionem jemand, der etwas Neues schafft.[/quote]Eine solch feststehende Definition des Wortes "Kunst" gibt es überhaupt nicht, denn es gehört zu den dehnbarsten Begriffen überhaupt. So ist in einem meiner Lexika beispielsweise zu lesen:
[quote]Kunst. Allgemein die Ausübung angeborener oder erworbener Fähigkeiten in hochentwickelter, spezialisierter Form als "Können" oder Kunstfertigkeit und das Resultat dieser Betätigung (Kunstwerk), sofern es durchschnittliche Leistungen übersteigt, im eigentlichen Sinne jedes schöpferisch-ästhetische Gestalten und dessen jeweiliges Ergebnis auf den Gebieten der einzelnen Kunstarten und -gattungen. Genauere Definitionen, besonders über das Wesen dieses ästhetischen Schaffens, sind schwierig, da sie von der Beantwortung einer Reihe von Vorfragen abhängen, die die Wurzeln des künstlerischen Tuns, die Defintion des Schönen, die Aufgabe der Kunst usw. betreffen. Diese Vorfragen wurden in allen Epochen aufgrund der unterschiedlichen Anschauungen vom Wesen des Menschen, dessen Ausdruck die Kunst ist, verschieden beantwortet.[/quote]Im Übrigen gäbe auch der Begriff des "Neuen" Anlass zu kontroversen Debatten. So neige ich z. B. dazu, denjenigen Musikern und Musikkennern zuzustimmen, die behaupten, dass es seit dem Einfluss von
Kraftwerk auf die elektronische Musik nichts wirklich Neues mehr gab, sondern nur noch
Varianten bereits bestehenden Materials. Folgt man dieser Ansicht, würde dies nach deiner Definition bedeuten, dass es seitdem keine echten Künstler mehr in der Musikbranche gegeben hat…
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bubu postete
Das tut Tarantino aber nicht wirklich. Er macht seine Sache halt sehr sehr gut, aber wo sind die neuen Visionen? Die neuen Perspektiven? Wo hat er das Kino, die Gesellschaft, die Welt weiter gebracht, außer dass er einen neuen cineastischen Stil eingeführt hat?[/quote]Das ist richtig, allerdings halte ich es für eine Illusion zu glauben, dass irgendein Film oder Werkschaffen eines Regisseurs durchschlagende, neue gesellschaftliche Visionen oder Perspektiven zur Folge hatte. Vielleicht übersehe ich da ja gewisse Beispiele, aber mir wollen momentan jedenfalls keine einfallen.
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bubu postete
Außerdem glaube ich nicht, dass ein "Gespür" zwingend angeboren sein muss. Das kann man auch entwickeln, wofür er als Videothek-Mitarbeiter ja sicher genügend Vorbilder und Zeit hatte.[/quote]Angesichts der cineastischen Innovation, die er mit
"Pulp Fiction" zweifellos geschaffen hat, dürften "Vorbilder und Zeit" wenig dazu beigetragen haben, seinen ihm eigenen Stil zu kreieren. Ich vermute viel eher, dass ihm in altem Filmmaterial einfach das gewisse Etwas fehlte, das er durch sein angeborenes Gespür schlichtweg vermisste. Und da hat er wohl die Chance ergriffen und sich gedacht: Jetzt mache ich mal Filme, wie
ich sie mir vorstelle; Ähnliches hat er meines Wissens ja auch zu
"Kill Bill" von sich gegeben.
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bubu postete
Schumi ist ein Talent und sehr guter Handwerker, aber kein Künstler wie die ABBA-Mitglieder.[/quote]Och, das würden manche Rennsportfans wahrscheinlich anders sehen…

Allerdings diente mein Beispiel auch nur dazu, um die markanten Eigenschaften absoluter Ausnahmeerscheinungen darzulegen - und die sind in Kunst und Sport nun mal identisch.
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bubu postete
Beispielsweise gab es mit Sicherheit virtuose Pianisten, die besser Klavier gespielt haben als Beethoven, der allerdings selbst auch hervorragend gespielt hat. Dennoch erinnern wir uns an ihn wegen seiner Werke und nicht wegen seines Klavierspiels.[/quote]Da gehe ich mit dir völlig d'accord. Nur widerspricht dein Beispiel ja auch nicht meiner These, dass Virtuosität das vorhandene Genie quasi vervollkommnet. Dass
Beethovens Eingebungen eine höhere Wertschätzung als seine eigentliche Fertigkeit genießen, ist klar - denn solche Genies gab es nun mal in nur sehr begrenzter Anzahl (wenn überhaupt).
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bubu postete
Dennoch ist meiner Meinung nach die Idee stärker als die Form. Mir ist es wichtiger, ob der Inhalt genial ist, als dass sie perfekt inszeniert umgesetzt wird. Bekomme ich eine schwache Idee perfekt umgesetzt enttäuscht mich das mehr. Ein Beispiel: das Buch "Im Westen nichts Neues" ist meiner Meinung nach nicht gut geschrieben. Der Autor, Erich Maria Remarque, war auch nie als brillanter Stilist bekannt. Dennoch ist das Buch so stark, weil die Idee und die Motivation dahinter es sind.[/quote]Mir geht's da häufig anders herum, Beispiel:
"Matrix". Interessante Grundidee, die in der Umsetzung völlig versauhudelt wurde - da schreit man geradezu nach einem brillianten Regisseur, der ein Gespür für die qualitätsrelevanten Faktoren hat…
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bubu postete
Richtig. Drum gefallen mir ja auch so unterschiedliche Filme, wie z.B. "Erbsen auf Halb Sechs" und "Dawn Of The Dead". Wir diskutieren ja aber nicht darüber, ob seine Filme unterhaltend, sondern ob sie genial sind.[/quote]Nun, es gibt sicher eine Menge Cineasten, die die
Tarantino-Streifen als "geniale Unterhaltung" bezeichnen würden. Ob der Inhalt, der Plot, die Aussage genial sind, steht dann wieder auf einem ganz anderen Blatt. Der Begriff "genial" kann schließlich in verschiedener Hinsicht angewandt werden.
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bubu postete
Zum anderen vermute ich den Grund, darin, dass er mittlerweile schon so oft mehr schlecht als recht kopiert worden ist und dieser "Tarantino-Style" einem fast überall begegnet. Genauso wie im Übrigen diese Zeitlupen-Technik von "Matrix" *nerv*[/quote]
Da sagste mal was… Ich weiß gar nicht, wie viele schlechte Pseudo-
Tarantino-Streifen ich schon gesehen habe. Aber so ist das in der heutigen Medienlandschaft: Sobald irgendwas Erfolg hat, wird's gnadenlos kopiert - man schaue sich nur mal das Programm des sendenden Ideenvakuums SAT1 an…
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bubu postete
Mich nervt halt nur immer der völlig unreflektierte Umgang mit den Worten "Meisterwerk" und "genial".[/quote]Das kann ich allerdings nachvollziehen, denn mir selbst stößt der regelrechte "Missbrauch" bestimmter Begriffe auch immer wieder sauer auf. Beispiele aus diesem Forum z. B. sind "Hass" oder "hässlich"…
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bubu postete
Und wenn ich dann noch die Texte von irgendwelchen Möchtegern-Filmkritikern lese, die sich nur so in einem Mummenschanz von Superlativen ergießen, kriege ich vollends 'nen Föhn![/quote]Ich empfand die Kritik für den zweiten Teil von
"Kill Bill" übrigens auch als maßlos überschwänglich und regelrecht pathetisch - ohne ihn überhaupt gesehen zu haben. Und der inflationäre Gebrauch von Superlativen, die sich in die Alltagssprache eingeschlichen haben, geht mir schon lange auf den Senkel…
