Verfasst: Do Apr 22, 2004 6:22 pm
[quote]bubu postete
Meine übliche Kritik der Gewaltdarstellung in Tarantinos Filmen ist bei "Kill Bill" gar nicht angebracht, weil hier die Gewalt in keinster Weise als lächerlich dargestellt wird, sondern im Zuge des Aktes der Rache.[/quote]Sie wird auch in den anderen Streifen nicht als lächerlich dargestellt, sondern dient auch als Ausdrucksmittel der moralischen Verkommenheit der Protagonisten. Und ohne "Kill Bill" überhaupt gesehen zu haben, behaupte ich: Auch den menschlichen Akt der Rache müsste man mit Sicherheit nicht mit einer derart stilistisch perfekten und voyeuristischen Schlachtplatte servieren - um mal deinen eigenen Kritikansatz aufzugreifen. Nein, da werde ich mir beizeiten doch lieber ein eigenes Bild von machen…
[quote]bubu postete
Ich hatte mich bei "Pulp Fiction" und "Jackie Brown" stets an der Darstellung des Tötens als komisches und cooles Element gestört, das ich als eine zynische und menschenverachtende Haltung empfinde.[/quote]Sorry, aber hast du "Jackie Brown" tatsächlich gesehen? Den kann man nun wirklich nicht mit "Pulp Fiction" vergleichen - schon gar nicht, was die von dir kritisierte Gewaltdarstellung angeht. Immerhin wurde der Streifen von nicht wenigen Tarantino-Fans seinerzeit eher enttäuscht aufgenommen, weil er so gar nicht einige der Elemente enthält, die "Pulp Fiction" und "Reservoir Dogs" auszeichnen.
[quote]bubu postete
Insofern war deine fast schon reflexhafte Parade in diesem Punkt gar nicht nötig.[/quote]Sehe ich, wie oben erwähnt, anders - auch in einem "Kill Bill" könnte man die dargestellte Gewalt, wenn man wollte, kritisch zerpflücken.
Außerdem bemühe ich mich immerhin, meine in gewissem Maße ambivalente Haltung zu den Tarantino-Streifen zum Ausdruck zu bringen. Das darfst du ruhig mal honorieren…
[quote]bubu postete
Ich habe schon in einigen vorhergehenden Diskussionen das Gefühl gehabt, dass du Kunst und Genius mit Virtuosität verwechselst. Das ist bei Tarantino genau das Problem - er ist ein unglaublich virtuoser Regisseur, mit einem sehr guten Gespür für Tempo, Optik, Dialog, Verfremdung und perfekt in der musikalischen Untermalung des Bildes.[/quote]Da es kaum einem anderen Regisseur gelingt, eine stilistisch so perfekte Atmosphäre zu zaubern, darf man ihm in dieser Hinsicht ohne weiteres einen gewissen Genius unterstellen. Dieser Begriff umfasst schließlich nicht zwangsläufig, dass man in jeder Hinsicht über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügt, sondern bezieht sich immer auf bestimmte Teilbereiche - sonst würde es schließlich auch nicht den Begriff des "Allround-Genies" geben.
Ach ja - laut Duden bedeutet "Virtuosität": "Kunstfertigkeit, Meisterschaft, besonders als Musiker". Warum dies ausschließen soll, dass jemand gleichzeitig auch ein echter Künstler sein kann, entzieht sich meinem Verständnis. Im Übrigen: Du schreibst selbst, Tarantino hätte ein "Gespür" für Tempo, Optik usw. Ein "Gespür" ist aber bereits ein angeborenes Talent, das man sich nicht erarbeiten kann. Allein schon deshalb kann man Tarantino mit Sicherheit nicht nur als "Handwerker" bezeichnen (was deine Aussage impliziert).
Weißt du z. B., was ABBA und Michael Schumacher gemeinsam haben? Beide sind/waren absolute Ausnahmetalente, die zusätzlich zu ihren angeborenen Fähigkeiten auch noch knüppelharte Arbeiter sind/waren. Diese Mischung aus Genius, Disziplin und Handwerk macht ihre Sonderstellung aus. Von daher kennzeichnet die Besten der Besten also stets eine Mischung aus diesen Punkten. Purer Genius, ohne das Bestreben, seine Fähigkeiten mit handwerklicher Disziplin zu vervollkommnen, wird niemals zum Erreichen der absoluten Spitze ausreichen. Wenn ein Genie also etwas "Neues" schafft, hängt es letztlich auch von seiner Motivation zum Erreichen von Virtuosität ab, ob dieses "Neue" auch in angemessen hochwertiger Form präsentiert werden kann.
Letztendlich könnte ich aber auch gelassen deine Definition übernehmen, den Begriff "Geniestreich" für Tarantinos Filme zurückziehen und an Stelle dessen das Wort "Meisterwerk" setzen - offen gesagt, ist mir die Diskussion um Begrifflichkeiten an dieser Stelle ziemlich wurscht, denn sie ändert nix an der außergewöhnlichen Qualität, die die Tarantino-Streifen in meinen Augen auszeichnet. Im Übrigen interessiert mich auch nicht die Person Tarantino an sich (der nach meiner Beobachtung in mancher Hinsicht 'nen ziemlichen Knacks weghat), sodass es mir eigentlich leidlich egal ist, ob's nun ein Genie, Virtuose, Handwerker oder sonstwas ist. Als "Kunst" nehme ich seine Produkte auf jeden Fall wahr, denn er "kann" nun mal unbestritten auch etwas, das mich fasziniert.
[quote]bubu postete
Aber seine Filme sind zugleich oft so unglaublich hohl.[/quote]Nun, dies ist deine Sichtweise, die ich nicht teile - Unterhaltung muss ja nicht immer festgesetzten Vorgaben folgen, denn es gibt ja nun mal sehr verschiedenartige Dinge im Leben, die einen begeistern können. Im Übrigen amüsiert mich auch der Begriff "oft" an dieser Stelle etwas - das klingt ja, als hätte Tarantino schon Dutzende von Filmen gedreht. De facto ist "Kill Bill 1+2" gerade mal sein vierter Streifen; die Werke, an denen er ein wenig beteiligt war, mal ausgenommen.
bubu, ich selbst hoffe ja darauf, dass Tarantino sich für die Zukunft etwas mehr einfallen lässt. Vielleicht sollte er sich einfach einen hochbegabten Drehbuchschreiber suchen, der ihm Geschichten liefert, die mit seinen Stilmitteln besonders gut harmonieren. Meine Wertschätzung für die unbestrittenen Fähigkeiten als Regisseur tut dies keinen Abbruch. "Allround-Genies" gab und gibt es nun mal nicht wie Sand am Meer, sondern nur in allerkleinster Zahl. Dies macht die Arbeit von "Teilzeit-Genies" jedoch um keinen Deut schlechter.
Meine übliche Kritik der Gewaltdarstellung in Tarantinos Filmen ist bei "Kill Bill" gar nicht angebracht, weil hier die Gewalt in keinster Weise als lächerlich dargestellt wird, sondern im Zuge des Aktes der Rache.[/quote]Sie wird auch in den anderen Streifen nicht als lächerlich dargestellt, sondern dient auch als Ausdrucksmittel der moralischen Verkommenheit der Protagonisten. Und ohne "Kill Bill" überhaupt gesehen zu haben, behaupte ich: Auch den menschlichen Akt der Rache müsste man mit Sicherheit nicht mit einer derart stilistisch perfekten und voyeuristischen Schlachtplatte servieren - um mal deinen eigenen Kritikansatz aufzugreifen. Nein, da werde ich mir beizeiten doch lieber ein eigenes Bild von machen…
[quote]bubu postete
Ich hatte mich bei "Pulp Fiction" und "Jackie Brown" stets an der Darstellung des Tötens als komisches und cooles Element gestört, das ich als eine zynische und menschenverachtende Haltung empfinde.[/quote]Sorry, aber hast du "Jackie Brown" tatsächlich gesehen? Den kann man nun wirklich nicht mit "Pulp Fiction" vergleichen - schon gar nicht, was die von dir kritisierte Gewaltdarstellung angeht. Immerhin wurde der Streifen von nicht wenigen Tarantino-Fans seinerzeit eher enttäuscht aufgenommen, weil er so gar nicht einige der Elemente enthält, die "Pulp Fiction" und "Reservoir Dogs" auszeichnen.
[quote]bubu postete
Insofern war deine fast schon reflexhafte Parade in diesem Punkt gar nicht nötig.[/quote]Sehe ich, wie oben erwähnt, anders - auch in einem "Kill Bill" könnte man die dargestellte Gewalt, wenn man wollte, kritisch zerpflücken.
Außerdem bemühe ich mich immerhin, meine in gewissem Maße ambivalente Haltung zu den Tarantino-Streifen zum Ausdruck zu bringen. Das darfst du ruhig mal honorieren…
[quote]bubu postete
Ich habe schon in einigen vorhergehenden Diskussionen das Gefühl gehabt, dass du Kunst und Genius mit Virtuosität verwechselst. Das ist bei Tarantino genau das Problem - er ist ein unglaublich virtuoser Regisseur, mit einem sehr guten Gespür für Tempo, Optik, Dialog, Verfremdung und perfekt in der musikalischen Untermalung des Bildes.[/quote]Da es kaum einem anderen Regisseur gelingt, eine stilistisch so perfekte Atmosphäre zu zaubern, darf man ihm in dieser Hinsicht ohne weiteres einen gewissen Genius unterstellen. Dieser Begriff umfasst schließlich nicht zwangsläufig, dass man in jeder Hinsicht über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügt, sondern bezieht sich immer auf bestimmte Teilbereiche - sonst würde es schließlich auch nicht den Begriff des "Allround-Genies" geben.
Ach ja - laut Duden bedeutet "Virtuosität": "Kunstfertigkeit, Meisterschaft, besonders als Musiker". Warum dies ausschließen soll, dass jemand gleichzeitig auch ein echter Künstler sein kann, entzieht sich meinem Verständnis. Im Übrigen: Du schreibst selbst, Tarantino hätte ein "Gespür" für Tempo, Optik usw. Ein "Gespür" ist aber bereits ein angeborenes Talent, das man sich nicht erarbeiten kann. Allein schon deshalb kann man Tarantino mit Sicherheit nicht nur als "Handwerker" bezeichnen (was deine Aussage impliziert).
Weißt du z. B., was ABBA und Michael Schumacher gemeinsam haben? Beide sind/waren absolute Ausnahmetalente, die zusätzlich zu ihren angeborenen Fähigkeiten auch noch knüppelharte Arbeiter sind/waren. Diese Mischung aus Genius, Disziplin und Handwerk macht ihre Sonderstellung aus. Von daher kennzeichnet die Besten der Besten also stets eine Mischung aus diesen Punkten. Purer Genius, ohne das Bestreben, seine Fähigkeiten mit handwerklicher Disziplin zu vervollkommnen, wird niemals zum Erreichen der absoluten Spitze ausreichen. Wenn ein Genie also etwas "Neues" schafft, hängt es letztlich auch von seiner Motivation zum Erreichen von Virtuosität ab, ob dieses "Neue" auch in angemessen hochwertiger Form präsentiert werden kann.
Letztendlich könnte ich aber auch gelassen deine Definition übernehmen, den Begriff "Geniestreich" für Tarantinos Filme zurückziehen und an Stelle dessen das Wort "Meisterwerk" setzen - offen gesagt, ist mir die Diskussion um Begrifflichkeiten an dieser Stelle ziemlich wurscht, denn sie ändert nix an der außergewöhnlichen Qualität, die die Tarantino-Streifen in meinen Augen auszeichnet. Im Übrigen interessiert mich auch nicht die Person Tarantino an sich (der nach meiner Beobachtung in mancher Hinsicht 'nen ziemlichen Knacks weghat), sodass es mir eigentlich leidlich egal ist, ob's nun ein Genie, Virtuose, Handwerker oder sonstwas ist. Als "Kunst" nehme ich seine Produkte auf jeden Fall wahr, denn er "kann" nun mal unbestritten auch etwas, das mich fasziniert.
[quote]bubu postete
Aber seine Filme sind zugleich oft so unglaublich hohl.[/quote]Nun, dies ist deine Sichtweise, die ich nicht teile - Unterhaltung muss ja nicht immer festgesetzten Vorgaben folgen, denn es gibt ja nun mal sehr verschiedenartige Dinge im Leben, die einen begeistern können. Im Übrigen amüsiert mich auch der Begriff "oft" an dieser Stelle etwas - das klingt ja, als hätte Tarantino schon Dutzende von Filmen gedreht. De facto ist "Kill Bill 1+2" gerade mal sein vierter Streifen; die Werke, an denen er ein wenig beteiligt war, mal ausgenommen.
bubu, ich selbst hoffe ja darauf, dass Tarantino sich für die Zukunft etwas mehr einfallen lässt. Vielleicht sollte er sich einfach einen hochbegabten Drehbuchschreiber suchen, der ihm Geschichten liefert, die mit seinen Stilmitteln besonders gut harmonieren. Meine Wertschätzung für die unbestrittenen Fähigkeiten als Regisseur tut dies keinen Abbruch. "Allround-Genies" gab und gibt es nun mal nicht wie Sand am Meer, sondern nur in allerkleinster Zahl. Dies macht die Arbeit von "Teilzeit-Genies" jedoch um keinen Deut schlechter.