Verfasst: Mi Jun 23, 2004 11:35 am
Der "Zwiebelfisch" von Bastian Sick auf spiegel.de bringt eine weit verbreitete Sprachmutation mal wieder wunderbar auf den Punkt:
http://www.spiegel.de/kultur/gesellscha ... 75,00.html
[quote]Durch und durch alles hindurch
Die "Titanic" wurde durch einen Eisberg versenkt, Bücher werden durch Autoren geschrieben und durch Übersetzer übersetzt - Autos werden durch umstürzende Bäume getroffen, Politiker durch das Volk gewählt: Ist die Durch-Wucherung der Sprache durch nichts mehr aufzuhalten?
Im Blumengarten der deutschen Sprache wuchert ein Unkraut, schlimmer als Quecke, hartnäckiger als Giersch. Es handelt sich um ein Gewächs aus der Familie der Präpositionen, klein und unscheinbar, doch es ist praktisch nicht zu besiegen. Der fleißige Stilgärtner hat alle Hände voll damit zu tun, es herauszurupfen. Doch so viel er auch gräbt und jätet - die Plage dringt immer wieder durch. Sie wuchert und windet sich durch alles hindurch.
Gemeint ist die Präposition "durch", ein ausgesprochen vielseitiger Vertreter seiner Gattung. Sie gedeiht auf den unterschiedlichsten Böden, und oft genug erweist sie sich als nützlich und willkommen. So lässt sie sich zunächst einmal räumlich einsetzen: durch den Dschungel, durch die Hintertür, durchs wilde Kurdistan. Sodann auch zeitlich: durch den Winter, durchs ganze Jahr. Damit aber gibt sie sich längst nicht zufrieden; sie will noch viel mehr!
Denn sie versteht sich auch als eine mediale Präposition. Genau wie das Wort "mittels" zeigt sie an, dass etwas mit Hilfe von etwas oder jemandem geschieht: Statt "per Kurier" kann man ein Paket auch "durch Boten" zustellen lassen, und ein Kranker kann ebenso gut "mittels neuer Medikamente" als auch "durch neue Medikamente" geheilt werden. So weit, so richtig.
Weil ihr aber auch das nicht genügt, macht sich die Präposition "durch" immer wieder an ihre schlimmste Rivalin heran, das noch kleinere Wörtchen "von". Wo immer sich eine Gelegenheit bietet, versucht sie, "von" zu verdrängen, oftmals mit Erfolg, aber selten mit stilistisch überzeugendem Ergebnis:
"Mehrere Autos wurden durch umstürzende Bäume getroffen", heißt es in einer Meldung, die das Wüten eines Sturms über Norddeutschland beschreibt. Der Verfasser der Meldung muss seinerseits von der Präposition "durch" getroffen worden sein, und zwar direkt am Kopf, sonst hätte er den Satz professioneller zu formulieren gewusst.
Natürlich wurden die Autos nicht durch Bäume getroffen, sondern von denselben. Ersetzt man "durch" nämlich durch "mittels" oder "mit Hilfe von", dann sieht man, wie unsinnig die Verwendung von "durch" hier ist: "Mehrere Autos wurden mit Hilfe umstürzender Bäume getroffen."
Derselbe logische Fehler offenbart sich auch in dieser Schreckensmeldung aus den Rocky Mountains: "Der 42-jährige Mann wurde durch den Angriff eines Bären getötet." Das liest sich so, als hätte jemand einen Bären dazu benutzt, um den Mann aus dem Weg zu räumen. Denkbar zwar, aber wohl kaum so gemeint. Die Gegenprobe mit "mittels" oder "mit Hilfe von" zeigt auch in diesem Fall, dass "durch" fehl am Platz ist.
"Wir drucken den Text in der deutschen Übersetzung durch Harry Rowohlt", kündigt eine Zeitung ihren Lesern an. Bei einem solchen Satz hätte sich dem wortgewandten Übersetzer selbst wohl die Feder gesträubt. Schließlich ist Harry Rowohlt weitaus mehr als nur ein Medium, durch das die Übersetzung mal eben so hindurchgeflossen ist.
Im Zusammenhang mit "schreiben" und "übersetzen" ist vom Gebrauch der Präposition "durch" durchweg abzuraten. Wann immer Personen, Personengruppen oder Institutionen im Spiel sind, taucht "durch" die Agierenden ins trübe Licht der Mittelbarkeit.
Sprache lebt durch Veränderung und Vielfalt. Oder lebt sie von Veränderung und Vielfalt? Eines steht fest: Sie sieht besser aus, wenn sie aufgelockert, von Unkraut befreit und geharkt wird. Nicht alles, was zwischen Substantiven und Verben emporkeimt, trägt zur Verschönerung bei. Eine Faustregel der Stilkunde besagt daher: Man lese nach dem Schreiben seinen Text gründlich von Anfang bis zum Ende und prüfe, ob sich die darin enthaltenen "durchs" nicht durch andere Präpositionen ersetzen lassen, zum Beispiel durch "von" oder "mit" - oder durch etwas anderes, so wie in diesem letzten Beispiel:
"Der Manager hat ein Glaubwürdigkeitsproblem durch die ausbleibenden Aufträge, die er im letzten Jahr prognostiziert hatte." Wie wäre es hier einfach mit "aufgrund" oder "auf Grund"? Angst vorm Genitiv? Dann ginge es auch mit "aufgrund von".
Mancher Stilblütenzüchter meint vielleicht, er sei dadurch nicht betroffen. Doch es sind weitaus mehr davon betroffen, als man glaubt. In den Blumenbeeten der deutschen Sprache ist "durch" mittlerweile so allgegenwärtig, dass es einem durch und durch geht. Greifen auch Sie zur Hacke, jäten Sie mit, lassen Sie "durch" nicht überall durchgehen![/quote]

http://www.spiegel.de/kultur/gesellscha ... 75,00.html
[quote]Durch und durch alles hindurch
Die "Titanic" wurde durch einen Eisberg versenkt, Bücher werden durch Autoren geschrieben und durch Übersetzer übersetzt - Autos werden durch umstürzende Bäume getroffen, Politiker durch das Volk gewählt: Ist die Durch-Wucherung der Sprache durch nichts mehr aufzuhalten?
Im Blumengarten der deutschen Sprache wuchert ein Unkraut, schlimmer als Quecke, hartnäckiger als Giersch. Es handelt sich um ein Gewächs aus der Familie der Präpositionen, klein und unscheinbar, doch es ist praktisch nicht zu besiegen. Der fleißige Stilgärtner hat alle Hände voll damit zu tun, es herauszurupfen. Doch so viel er auch gräbt und jätet - die Plage dringt immer wieder durch. Sie wuchert und windet sich durch alles hindurch.
Gemeint ist die Präposition "durch", ein ausgesprochen vielseitiger Vertreter seiner Gattung. Sie gedeiht auf den unterschiedlichsten Böden, und oft genug erweist sie sich als nützlich und willkommen. So lässt sie sich zunächst einmal räumlich einsetzen: durch den Dschungel, durch die Hintertür, durchs wilde Kurdistan. Sodann auch zeitlich: durch den Winter, durchs ganze Jahr. Damit aber gibt sie sich längst nicht zufrieden; sie will noch viel mehr!
Denn sie versteht sich auch als eine mediale Präposition. Genau wie das Wort "mittels" zeigt sie an, dass etwas mit Hilfe von etwas oder jemandem geschieht: Statt "per Kurier" kann man ein Paket auch "durch Boten" zustellen lassen, und ein Kranker kann ebenso gut "mittels neuer Medikamente" als auch "durch neue Medikamente" geheilt werden. So weit, so richtig.
Weil ihr aber auch das nicht genügt, macht sich die Präposition "durch" immer wieder an ihre schlimmste Rivalin heran, das noch kleinere Wörtchen "von". Wo immer sich eine Gelegenheit bietet, versucht sie, "von" zu verdrängen, oftmals mit Erfolg, aber selten mit stilistisch überzeugendem Ergebnis:
"Mehrere Autos wurden durch umstürzende Bäume getroffen", heißt es in einer Meldung, die das Wüten eines Sturms über Norddeutschland beschreibt. Der Verfasser der Meldung muss seinerseits von der Präposition "durch" getroffen worden sein, und zwar direkt am Kopf, sonst hätte er den Satz professioneller zu formulieren gewusst.
Natürlich wurden die Autos nicht durch Bäume getroffen, sondern von denselben. Ersetzt man "durch" nämlich durch "mittels" oder "mit Hilfe von", dann sieht man, wie unsinnig die Verwendung von "durch" hier ist: "Mehrere Autos wurden mit Hilfe umstürzender Bäume getroffen."
Derselbe logische Fehler offenbart sich auch in dieser Schreckensmeldung aus den Rocky Mountains: "Der 42-jährige Mann wurde durch den Angriff eines Bären getötet." Das liest sich so, als hätte jemand einen Bären dazu benutzt, um den Mann aus dem Weg zu räumen. Denkbar zwar, aber wohl kaum so gemeint. Die Gegenprobe mit "mittels" oder "mit Hilfe von" zeigt auch in diesem Fall, dass "durch" fehl am Platz ist.
"Wir drucken den Text in der deutschen Übersetzung durch Harry Rowohlt", kündigt eine Zeitung ihren Lesern an. Bei einem solchen Satz hätte sich dem wortgewandten Übersetzer selbst wohl die Feder gesträubt. Schließlich ist Harry Rowohlt weitaus mehr als nur ein Medium, durch das die Übersetzung mal eben so hindurchgeflossen ist.
Im Zusammenhang mit "schreiben" und "übersetzen" ist vom Gebrauch der Präposition "durch" durchweg abzuraten. Wann immer Personen, Personengruppen oder Institutionen im Spiel sind, taucht "durch" die Agierenden ins trübe Licht der Mittelbarkeit.
Sprache lebt durch Veränderung und Vielfalt. Oder lebt sie von Veränderung und Vielfalt? Eines steht fest: Sie sieht besser aus, wenn sie aufgelockert, von Unkraut befreit und geharkt wird. Nicht alles, was zwischen Substantiven und Verben emporkeimt, trägt zur Verschönerung bei. Eine Faustregel der Stilkunde besagt daher: Man lese nach dem Schreiben seinen Text gründlich von Anfang bis zum Ende und prüfe, ob sich die darin enthaltenen "durchs" nicht durch andere Präpositionen ersetzen lassen, zum Beispiel durch "von" oder "mit" - oder durch etwas anderes, so wie in diesem letzten Beispiel:
"Der Manager hat ein Glaubwürdigkeitsproblem durch die ausbleibenden Aufträge, die er im letzten Jahr prognostiziert hatte." Wie wäre es hier einfach mit "aufgrund" oder "auf Grund"? Angst vorm Genitiv? Dann ginge es auch mit "aufgrund von".
Mancher Stilblütenzüchter meint vielleicht, er sei dadurch nicht betroffen. Doch es sind weitaus mehr davon betroffen, als man glaubt. In den Blumenbeeten der deutschen Sprache ist "durch" mittlerweile so allgegenwärtig, dass es einem durch und durch geht. Greifen auch Sie zur Hacke, jäten Sie mit, lassen Sie "durch" nicht überall durchgehen![/quote]