Ich bin echt heilfroh, dass ich in den 80-ern noch Schülerin und Studentin war, denn das war genau die richtige Zeit, um voll ins Computerzeitalter reinzuwachsen. Schreibmaschine habe ich noch im Studium gelernt (an der Gesamtschule war das wohl sogar Teil des Fachs Arbeitslehre, aber das war, bevor ich Gesamtschülerin wurde), mit dem Telex habe ich auf dem einen oder anderen Studentenjob zu tun gehabt. Aber Ende der 80-er lernte ich bereits, ein Faxgerät und eine moderne Telefonanlage zu bedienen sowie Texte in den PC einzugeben. Neben Schreibmaschine stand im Studium auch ein Kurs "Umgang mit einem ETV-Gerät" auf dem Plan, dieses Gerät mit Bildschirmen und allerhand tollen Textverarbeitungsfunktionen war dann schon richtiger Luxus.
Anfang der 90-er wuchs ich so allmählich ins Arbeitsleben rein. Lernte, Serienbriefe auf dem Mac zu schreiben, wie man die Rechtschreibkorrektur bedient und dass es auf dem Mac ganz schnafte Spiele gibt

Der Geschäftswagen meines Chefs hatte, welch Wunder der Technik, ein Autotelefon. Die Firmen, in denen ich arbeitete, waren im Allgemeinen recht modern ausgestattet. Alle? - Nein, nicht alle, denn selbst Mitte der 90-er, als PCs flächendeckend genutzt wurden und es bereits Internet und E-Mail gab, gab es noch einige Unbeugsame, die - doch lest selber. Ich kopiere hier mal ein Posting rein, das ich vor einer Zeitlang in einem anderen Forum geschrieben hatte.
Vor vielen Jahren, sprich, so ca. 1994, war ich mal arbeitslos und hatte mich auf eine Stelle als Fremdsprachenkorrepsondentin beworben. Man rief mich auch gleich an, war interessiert an mir, wir machten einen Termin aus. Ich fuhr hin, betrat die Geschäftsräume - und fühlte mich augenblicklich von einer Zeitmaschine in die Vergangenheit katapultiert. Nicht etwa in die 70-er, nein, noch weiter zurück, mindestens 60-er. Ein verwinkelter Flur, graumelierter Plastikbelag auf dem Boden, auf dem meine Schritte lautstark klackten, kalkweiße Wände ohne jeglichen Schmuck, über mir kaltes Neonlicht. Das Besprechungszimmer: dunkelgrüne, grob gewebte Übergardinen und Stühle mit Sitzfläche und Lehne aus braunem Cord. Der Personalfuzzi, der sich um mich kümmerte, passte vom Aussehen her ziemlich gut in das Bild. Na das konnte ja was werden.
Ich bekam einen Zettel vorgelegt, den ich ausfüllen sollte. "Schreibmaschinenkenntnisse" stand da unter anderem, "Anschläge pro Sekunde" oder so. Ich konnte nicht Schreibmaschine schreiben, also strich ich das durch und schrieb "PC" darüber. Das Kästchen mit der Anzahl Anschläge ließ ich frei, hatte ich nie gezählt, wusste ich nicht. Ich wusste nur, dass ich ziemlich schnell tippen konnte, sofern ich die Möglichkeit hatte, mal schnell die Taste mit dem nach links zeigenden Pfeil oder die Entf-Taste zu drücken bzw. mein Werk hinterher nochmal durchzulesen und entsprechende Korrekturen vorzunehmen.
Herr Personalfuzzi kam zurück, nahm meinen Zettel entgegen, überflog ihn kurz. Blieb stutzend an einer Stelle hängen - ich ahnte es schon.
"Ach, Sie können nicht Schreibmaschine schreiben?"
"Nein, nicht wirklich. Habe ich mal für ein paar Monate im Studium gelernt und dann nicht mehr vertieft. Aber mit einem PC umgehen, das kann ich."
"Es ist so: Wir haben keine PCs. Wir haben nur Schreibmaschinen."
Ach... mir fiel die Kinnlade runter und ich fragte sogleich nach dem Grund für eine derartige Modernismus-Verweigerung. "Unser Chef will das nicht, der hat Angst um die Datensicherheit, dass die an jemanden Unbefugtes gelangen können." Hallo! Schon mal was von Kennwörtern gehört, Herr Chef? "Und Sie haben wirklich nur..." "Naja, eine Schreibmaschine haben wir, die hat einen Bildschirm. Aber die ist meistens besetzt." Ob die sich wohl mal gefragt haben, warum das so ist?
Jedenfalls kamen wir überein, dass ich unter diesen Umständen für den Posten nicht geeignet war, denn ohne meine Löschtasten konnte und wollte ich nicht arbeiten und mit Tipp-Ex korrigierte Briefe, zumal mehrmals, würden Chef und Kunden wohl nicht so doll finden. Davon mal ganz abgesehen: Ich hatte auch keine Lust, in so einer schmucklosen 60-er Jahre Zeitschleuse zu versauern, da wurde man ja depressiv!
Ich ging durch den kahlen Flur in Richtung Ausgang und erwartete, jeden Moment Frauen im dunkelblauen Faltenrock oder Stifte mit Schirmkäppi, Weste, Streifenhemd und mit Ärmelhaltern hochgeschobenen Ärmeln zu sehen, so wie es sie oft in alten Spielfilmen mit Heinz Rühmann zu sehen gibt. Einen Telex gab es dort aber ganz bestimmt - ohne Bildschirm, versteht sich, sonst wäre der ja immer besetzt.
Einer der übelsten Jobs, den ich je gemacht habe, fand in einer Anwaltskanzlei statt. Dort gab es PCs... aber auf denen lief "AdvoDat", ein Programm, mit dem man prima Akten abwickeln konnte, was allerdings zu Lasten der Schreibfunktion ging. Denn die war einfach nur beschissen, ähnlich beschaffen wie ein ETV-Programm Ende der 80-er, nur noch primitiver - eine Zumutung für jemanden wie mich, die bereits schicke, praktische Programme kannte und daran gewöhnt war. Meine Hand langte ständig nach der Maus und konnte und wollte sich einfach nicht daran gewöhnen, dass da gar keine war. Mehrmals pro Tag gellte mein Verzweiflungsruf "Ich will meinen Mac wieder!" durch den Raum. Unnötig zu sagen, es gab weder E-Mail, noch Internet, noch das kleinste Ballerspielchen. Mann war ich froh, als ich nach 8 Monaten meinen Hut nehmen durfte...